
Unser sittliches Empfinden und unsere Wertmaßstäbe werden immer wieder von neuen Seiten angegriffen. Neuester Angriff: Die rot-rote Koalition in der "kleinen DDR".
Wer hat Matthias Platzeck diese unsäglichen "Argumente" aufgeschrieben, mit denen er versucht, die Koalition mit den Tätern von damals zu legitimieren? Wie kommt er auf die Idee, an die Opfer von damals zu appellieren, sie sollten auf die Täter zu gehen - zwecks Versöhnung?
Hat er sich da von der Frau inspirieren lassen, der er auf dem inzwischen reichlich wiederholten Pressefoto so neckisch ins Haar fasst?
Platzeck rechtfertigt die Koalition mit der gerade in Brandenburg so belasteten Linkspartei in einem Mitgliederbrief wie folgt:
Exakt zwei Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 ist uns nur zu bewusst, dass der Gründungsimpuls unserer Partei eben darin bestand, das illegitime Machtmonopol jener Partei zu brechen, aus der die Linkspartei hervor gegangen ist. Vom undemokratischen und diktatorischen Erbe der SED haben sich fast alle wesentlichen Vertreter der Brandenburger Linkspartei seither aber distanziert. Etliche von ihnen haben wirkliche Lernprozesse durchlaufen. Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR dürfen sie den Anspruch erheben, von uns bei ihrem Wort genommen zu werden.
Einspruch: Wenn ein Täter bei seinem Opfer "einen Anspruch erheben" will, muss er sich mit diesem zuvor persönlich aussöhnen. Das kann er an keinen politischen Prozess delegieren. Die bis heute nicht wirklich statt gefundene Aussöhnung (wenn es das überhaupt geben kann, aber Platzeck selbst hat den Vergleich in die Diskussion geworfen) zwischen Nazis und ihren überlebenden Opfern wurde vor allem blockiert durch die Unfähigkeit und den Unwillen der Täter a) ihre Schuld einzugestehen und b) bei ihren Opfern persönlich um Vergebung zu bitten. Die Täter müssen ihre Opfer und ihre Verantwortung persönlich als solche anerkennen und um Vergebung bitten. Ohne dies ist jeder Versuch einer vergesellschafteten politischen "Lösung" hohl.
Aber gelaufen ist es so, dass es dieses Bedürfnis um Vergebung bei den meisten Nazis und Stazis nicht gegeben hat, diese auch jahrelang nichts getan oder gesagt haben und dann irgendwann behaupteten, jetzt müsse bald mal Schluss sein mit den ewigen Vorhaltungen.
An ähnlichen Versäumnissen krankt die Aussöhnung von vertriebenen Deutschen und ihren Vertreibern. Ohne eine direkte Aussprache, in denen sich beide Seiten ihre persönlichen Geschichten erzählen, kann es keine echte Versöhnung geben. Ein Vertriebener ist ein Opfer. Solange das Opfer nicht einmal als Opfer anerkannt wird, sondern von Politikern gegen die Schuld "der Deutschen" am zweiten Weltkrieg aufgerechnet wird, wird diese Wunde nicht geheilt. Aber auch die zwangsumgesiedelten Polen waren Opfer ihrer sowjetischen Vertreiber. Und auch hier mangelt es an Aussprache. Usw. usw.
Solange in Berlin mehr Ex-Stasis gegen ihre Opfer oder Journalisten klagen, als Opfer gegen ihre früheren Peiniger, können wir nicht von Versöhnung reden. Es ist nicht an den Opfern, auf die Täter zuzugehen. Sondern umgekehrt. Die Täter von damals haben keine Ansprüche erworben. Sie haben vielmehr die berechtigten Erwartungen ihrer Opfer noch nicht eingelöst.
Platzeck schreibt weiter:
Hinzu kommt: Die fortgesetzte Ausgrenzung einer von beträchtlichen Wählergruppen unterstützten demokratischen Partei erscheint auch aus demokratiepolitischer Perspektive nicht ratsam. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR und der Neugründung unseres Landes hat sich Brandenburg – nicht zuletzt aufgrund unserer sozialdemokratischen Auf bauarbeit – zu einem stabilen und zukunftsträchtigen Gemeinwesen mitten im neuen Europa entwickelt.
Wenn ich ihn richtig verstehe, spricht er hier die in der Tat schwierige Tatsache an, dass die Täter von damals schon rein von ihrer Zahl her ein Machtfaktor in der Gesellschaft sind, mit dem man umgehen muss und den man nicht sich selbst überlassen darf.
Schwierig ist auch folgendes: Es kann in der Tat nicht sein, dass Sozialismus als politische Überzeugung für alle Zeiten von den Stasi-Tätern desavouiert ist. Nicht jeder Sozialist ist ein Ex-Stasi oder ein Stalinist. Und nicht jeder Ex-Stasi ist ein Sozialist gewesen, sondern vielleicht "nur" ein Opportunist. Insofern gebe ich denen recht, die sagen: Man kann eine Mehrheit für eine politische, demokratische Richtung nicht mit dem Argument entkräften, das sie auch von den Falschen vertreten wird. Aber wenn die Linkspartei ein aufrichtiger Machtfaktor sein will, hat sie für ein Mindestmaß an Hygiene in ihren Reihen zu sorgen. Das gilt übrigens auch für Ost-CDU.
Platzeck hat seinen Landesverband mit seinen Überlegungen und Absichten überrascht. Diese Frage hätte tiefer diskutiert werden müssen und kann nicht im Zuge des Absegnens eines Koalitionsvertrages entschieden werden. Sein Vorgehen wirft Fragen auf.
Dass er einen Juristen zum Justizminister macht, der -in typisch deutscher Solidarität unter Juristen jedweder Gesinnung - die Mauerschützenprozesse "aus rein juristischer Sicht" zum Übereifer einer Siegerjustiz erklärt, ist eine weitere Enttäuschung. Genau diese waghalsige Rechtsauffassung, nach der die Taten staatlicher Organe immer -auch in Unrechtsstaaten wie der DDR- nur an den Gesetzen ihres Systems zu beurteilen sind, war schon der Skandal in der sog. Aufarbeitung der Nazizeit. Diese Kontinuität, mit der sich Regierungen und Behörden über jeden Systemwandel hinwegretten, auch wenn sie vorher Verbrechern zu Diensten waren, das ist es, was "endlich aufhören muss". Platzeck aber ist ihr auf den Leim gegangen.
Kommentare:
Hi Frank,
als Mr. Party Wowereit in seinen Rot Roten Senat gebildet hat war der Aufschrei nicht so groß!
Aber dein Post ist der typische Post eines Westdeutschen.
Das Problem und das hatte ich dir schon mal versucht zu erklären, Du versuchst mit westlichen Maßstäben Dinge zu erklären und zu beurteilen, die sich mit westlichen Maßstäben nicht beurteilen lassen.
Wann ist jemand Täter, Opfer, Oportunist? Wenn es eine Diktatur der Arbeiterklasse gibt, und es quasie nur eine Kontrolle der Sicherheitsorgane gibt was tut man gegen Auswüchse in diesen Sicherheitsorganen.
Und Schluss und letztlich:
Stell Dir vor Du lebts in der DDR bist gerade 19 jahre alt mit der Ambition studieren zu wollen, Ingenieur, Elektrotechnik.
Nun sagt Dir bei der Musterung jemand, O.k. Herr M. Sie haben sich ja für einen Studienplatz beworben. Wie siehts denn aus wollen sie dann auch Unteroffizier bei der Armee werden?
Du weißt genau, wenn Du jetzt Nein sagst, dann sinken Deine Chancen sagst Du ja dann kriegts Du den Studienplatz.
Was sagst Du ja oder Nein?
Und was sagst Du wenn der selbe Mensch Dir gegenübersitzt und sagt:.
O.k. Unteroffizier nicht aber bei den grenztruppen wollen sie nicht bei den Grenztruppen könnte ich ihnen was anbieten....
ja oder nein auch wenn Du nicht studieren darfst und Represalien befürchten mußt?
Sagst Du immer noch nein?
Und was ist wenn ausgerechnet in Deiner Schicht einer abhaut?
Und was machste wenn das auch noch dein Kollege ist, der eigentlich mit Dir gemeinsam Streife laufen soll, sich aber nicht traut mit Dir darüber zu reden das er abhauen will? Und mit dem Gedanken spielt Dich zu erschiessen?
Biste dann immer noch so cool?
Hallo Tom,
ich greife nur diejenigen an, die in der Diktatur etwas zu sagen hatten, auf der Seite des Regimes standen (und heute noch stehen) und andere drangsalieren oder gar ermorden ließen.
Wenn sich z.B. ehemalige Gefängniswärter aus Hohenschönhausen in Besucherführungen mischen und rumpöbeln, dass das alles nur Propaganda sei, dann muss man denen in die Beine grätschen.
Ich habe eine Szene erlebt, in denen ein Alt-Stasi andere herumkommandieren wollte, weil die nicht nach seiner Pfeife tanzten. Der musste im Offizierston angeschrien werden, damit er endlich kapierte, dass er nichts mehr zu sagen hat. Danach war Ruhe. So muss man mit denen umgehen und so gehe ich mit denen auch um!
Alles was ich sagen will, ist: Es kann nicht angehen, dass die Täter (die Funktionäre, nicht die Ausführenden) den Opfern ihren Umgang mit den Taten vorschreiben.
Ich kritisiere nicht den Grenzsoldaten, ich kritisiere den Oberkommandierenden.
Und wenn die Fraktionsvorsitzender der Brandenburgischen Linkspartei, Kerstin Kaiser, auf ihrer Website beschreibt, wie sie zum IM wurde und ihre Kommilitonen in Russland in Schwierigkeiten brachte, das ist schon mal ein erster Schritt zur Aufarbeitung. Anerkennung dafür! Aber hat sie mit denen auch direkt gesprochen?
Ich weiß nicht, wie ich mich als Student-vor die Wahl gestellt- verhalten hätte. Ich kann Dir nur versichern -aber das ist kein richtiger Vergleich-, dass ich während meines Wehrdienstes von meinen Vorgesetzten nicht alles akzeptiert habe und damit einiges an Ärger auslöste.
Und in Berlin hatte es doch auch einen Aufschrei gegeben, als die SPD mit der PDS zusammenging. Ich habe auch nicht vergessen, dass Wowereit nach der Wahl mit der FDP nur oberflächlich verhandelte und es scheitern ließ, um mit der PDS zusammen zu gehen. Und wie Ex-Kultursenator Flierl den Alt-Stazis freie Hand ließ, Bürgerversammlungen der Stasiopfer zu torpedieren, da wird mir heute noch übel.
Man kann doch nicht allen Ernstes argumentieren: Ach, die alten Kader das waren so viele, die müssen wir eigentlich als "repräsentativ" fürs Volk ansehen und dürfen sie nicht ausgrenzen. Natürlich müssen wir einen ehemaligen SED-und/oder Stasi-Funktionär ausgrenzen - und zwar solange bis er bei seinen Opfern ernsthaft um Vergebung gebeten hat. Solange grenze ich jeden von denen aus, wo ich Gelegenheit dazu bekomme.
Ich lasse mir auch nicht in Sachen DDR und Wende den Mund verbieten, weil ich ein Wessi bin. Wenn wir das zum Prinzip erhöben, dann müsste die gesamte Welt jeden Konflikt sich selbst überlassen, weil sie vermeintlich nicht mitreden kann. Wo kämen wir da hin?
Und um Coolness geht es hier, glaube ich, gar nicht. Sondern um Anstand.
Hallo Frank,
Ich bin mir sicher Du kennst neben dem offiziellen Brief auch die inoffizielle Begründung für die Rot Rote Koalition.
Den Mund verbieten will ich auch niemanden.. Ich versuche Dir nur klar zu machen, das es neben der Deinen Wahrheit auch noch viele andere Wahrheiten gibt.
Und das Menschen sich innerhalb totalitärer Systeme komplett anders Verhalten.
Oder warum meinst Du das Leute wie Erich Honnecker und Adolf Hitler über ganz lange Strecken viele viele Menschen für Ihre Ideen gewinnen konnten?
Glaubst Du die Menschen sind in totalitären dümmer?
Das Buch die "Die Welle" kennst Du?
Du kennst das Milgram Experiment?
Die Mechanismen sind immer die selben. Und ich bin ehrlich überrascht wieviel Sozialismus in vielen Leuten seteckt. Bezeichen wir Sozialismus einfach als Sozialdemokratie und lassen wir alle teilhaben nur wer nicht mitmacht wird bekämpft...
Das Schwarz Gelbe Monster huhu...
Alles wird schlecht die bösen neoliberalen sind an der Misere Schuld...
Denke mal, nach merkst Du was?
Da sind wir im Augenblick in Deutschland!!
Wen bitte hat Erich Honnecker für seine Ideen begeistert?
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