29 Oktober 2010

Der Stand der Dinge: Status Quo im Tempodrom, Kreuzberg

"Ah, jetzt verstehe ich es: Ich lebe!"
Frank Cross in: Die Geister, die ich rief

Sylvester läuft auf 3sat ja immer das Dauerprogramm von Rock- und Popkonzerten. Spontan begeisterten mich 2009 die Altrocker von Status Quo. Eine Band, die ich immer hartnäckig ignoriert hatte, weil ich ihren Boogierock -also jedenfalls in den Radioedits- immer irgendwie trivial fand. Ich stand immer auf Alternativrock, den ich im Rückblick inzwischen nur noch für eine depressive Form, der Angst vor dem Atomkrieg geschuldet, des ursprünglich lebensfrohen Rock'n'Roll halte. Ich dachte damals: Wer keine tiefergehende Botschaft hat, der ist trivial.

Oh, welch Frevel. Als wir Status Quo also auf 3sat sahen, lief da ein Laufband von einer bevorstehenden Deutschlandtour. Aus der Laune heraus bestellte ich online sofort Tickets für ihren Auftritt im Kreuzberger Tempodrom am 26. Oktober.

Am Dienstag war es soweit! Doch vor den Genuss haben die Götter den Schweiß gesetzt. In Berlin den Angstschweiß, ob man es mit dem ÖPNV rechtzeitig zum Anhalter Bahnhof schaffen wird. Weder S-Bahn noch BVG waren also jenem Abend in der Lage, die Rockpilger zum Ort ihres Begehrs zu bringen. Wie könnte es auch anders sein...

Gut, irgendwann kamen wir an. Das Tempodrom gilt unter Berliner Politikern als Mahnmal für gut gemeinte aber schlecht gemanagte, vor allem schlecht finanzierte Kulturprojekte. Es hat die Form eines Zirkuszeltes, und innen ist es einfach genial gestaltet: Man checkt so schnell ein wie früher am Flughafen Tempelhof. Es gibt eine breite Gardrobe, es gibt Getränkerbars im Außenring und im Innenraum. Alles geht irgendwie schnell. Als wir unsere Jacken abgegeben und uns ein Bier genehmigt haben, öffnen wir die Tür zum Innenraum. Da strömen uns bayerische Zeilen und Melodien entgegen, es erwarten uns auf der Bühne ausgerechnet die Altmeister aus München, die ich für ihren Song "Sommer in der Stadt" so ins Herz geschlossen habe: Die Spider Murphy Gang. Ich sehe die zum ersten mal live und es hat etwas Surreales, dass fast 1.000 Kehlen den Song mitgröhlen, der heute als Soundtrack für diverse Onlinepartnerbörsen durchgehen könnte: "Wo, wo bist Du-huu?". Is ja nett, wie der Leadsänger Günter sich ins Zeug legt. Und das Publikum ist soo entspannt. Partykellerstimmung. Nicht übermäßig laut, auch fällt es dem Drummer schwer, den Takt zu halten. Aber alle mögen Spider Murphy..

Dann ist die Vorgruppe vorbei und es fließt wieder sechziger und siebziger Jahremucke aus den Boxen. Hier gibts dann einen zweiten Höhepunkt: Einer der Rowdies, die die Status - Bühne präparieren, schiebt tatsächlich einen Staubsauger über das Podest. Und der DJ nutzt die Gelegenheit, Freddie Mercurys Staubsaugerhymne "I want to break free" aufzulegen. Das Publikum gröhlt, der Staubsauger genießt seine aufwallende Popularität. Dann plötzlich -und ich liebe diesen Moment der Vorfreude, der seinen Ursprung in frühkindlichen Heiligabendbescherungen haben muss- geht das Zirkuskuppellicht aus.

Und die lila Lightshow, die an die Grafiken der ersten iTunesversion erinnert, geht los und die Intromusik schwillt an. Dann kommen die Chefs auf die Bühne. Aus dem Synthysound heben sich die ersten Lebenszeichen der E-Gitarren ab. Sweet Caroline dreht ihre Aufwärmrunde. Dann plötzlich und entschlossen fällt das Startsignal und die Gitarren legen los. Die Chefs des Boogierock. Routiniert lässig, hart, laut und perfekt abgestimmt startet die Show und nach wenigen Sekunden ist klar, dass Rock eine Domäne der Altrocker ist. Dass es ihr Revier ist, in dem alle nachfolgenden Alternative-, Depri und Gott weiß welche Abwandlungen immer nur geduldete Gäste waren. Das hier, das ist schnell klar, ist das Werk geniöser Miterfinder des Rock. Mich packt es. Alle anderen auch, aber mit dem Unterschied, dass die es schon immer wussten, und ich ein bisschen spät dran bin, mit meiner Erkenntnis, dass diese Musik, dass der Ursprung dieser Musik, nicht die Klage sondern die Freude ist. Die Freude darüber, sich im klaren zu sein und daraus die Entspannung im Hier und Jetzt abzuleiten. Was ich hier in bemühten Worten umbeschreibe vollzieht sich in der Wirklichkeit über Saiten, Verstärker, Boxen direkt in Herz und Hüften der hier Anwesenden. Der Zirkus hat abgehoben und fliegt. Um uns herum Mittvierziger, Fünfziger und direkt neben uns saugt ein verwitterter Typ im Trenchcoat die Atmosphäre auf, ein Bahnvorstand oder so. Klar ist: Die Chefs rocken das Haus. Wenn diese Floskel je stimmte, dann heute...

Der Bandname stimmt noch immer. Keine Band hat mehr Songs in die UK-Charts gebracht und Frontmann Francis Rossi sagt irgendwann, "all of these songs are from SOME TIME ago". Und ich denke: Das ist unsere klassische Musik. Die Menge an Bands und Songs zwischen den Sechzigern und Achtzigern, das ist eine eigene musikalische Epoche, Geschichte. Und man muss es live erlebt haben, um ihre Wirkung und ihre Bedeutung verstanden zu haben. Status Quo wiederholen und variieren, wie eigentlich jeder bedeutende Künstler, ihre immer gleiches Thema, ihr Ding. Aber es ist so verdammt gut. Auf der Bühne entfaltet sich beides: Unmittelbare Wirkung der Musik und das Bewusstsein, damit etwas Neues in die Welt gesetzt zu haben. "Together we can rock and roll!"

Francis und Rhytmusgitarrist Rick Pafitt wechseln sich mit dem Gesang ab. Beide sind so alt wie meine Eltern, aber sie werden immer Rocker sein. Mit einer gewissen professionellen Distanz zu ihrem Werk, mag sein, aber um so würdevoller wirkt ihr Auftritt. Rock ist keine Frage des Alters und der Zeit. Auch im Publikum geht es nicht darum, alte Zeiten aufleben zu lassen, sondern seinen Platz zu behaupten. Das hier ist und wird sein.

28 Oktober 2010

Der Nachrichtenstand

Ist jetzt wieder alles in Butter? Sind die Zahlen vom (relativen) Wirtschaftswachstum und vom Arbeitsmarkt die wichtigsten Nachrichten des Jahres für Otto-Normal-Verbraucher? Befreit von der Angst vor Arbeitslosigkeit und Inflation und dass alles um ihn herum zusammenbricht, soll er da jetzt einfach zufrieden sein und die Regierung mal machen lassen? Wo er doch obendrein den Eindruck haben kann, sie sei auf seiner Seite, schließlich hat sie sich obendrein für kräftige Lohnerhöhungen ausgesprochen.

Hier ein paar Gründe "dagegen":
Die Finanz- und Systemkrise der Marktwirtschaft ist noch nicht vorbei. Die Banken stecken immer noch mitten drin. In den USA laufen gerade Klagewellen gegen zu unrecht enteignete Hausbesitzer (Bankmanager machen sich noch nicht einmal die Mühe einer "Einzelfallprüfung" bevor sie so etwas unterschreiben. Der verantwortlichen Managerin bei der Bank of America z.B. waren das "einfach zu viele".).
Auch die Deutsche Bank steckt da mitten drin. Und wer weiß, wer noch. Sie alle sichten gerade ihre Schrottpapiercontainer und häufen an, was sie dem Steuerzahler zuschieben wollen. Zwecks Übernahme der Rechnung. Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und sinnigerweise ein Ex-McKinsey Berater, verkündete neulich allen Ernstes, nach der Abschiebung seiner Schulden auf den Bund sei seine Bank nun wieder "in der Gewinnzone angekommen" und das nahm er gleich als Begründung dafür, dass seine "Spezialisten" -damit meinte er die Müllsortierer- berechtigte Forderungen nach Überschreiten der 500.000 EURO Gehaltsdeckelung stellen. Denen müsse er nachgeben, denn die seien weltweit gefragt und sehr knapp.

Er muss übersehen haben, dass es in fast allen betroffenen Ländern Gehaltsdeckelungen für diese Täterschicht gibt und es somit auch keine Alternativen für sie, woanders mehr zu bekommen. Vergleicht man diese Damen und Herren, die die Bad Banks mit Schrott befüllen, mal mit den Trümmerfrauen nach dem zweiten Weltkrieg, geht es denen doch immer noch Gold. Sie tun nur ihre Pflicht. Und zweitens sind "weltweite Nachfrage" und "Knappheit" kein Grund für höhere Lohnforderungen. Das sagen jedenfalls die Arbeitgeberverbände wie z.B. Herr Kannegießer von Gesamtmetall. Der Aufschwung sei viel zu sensibel und schon das laufenden Quartal sei schon wieder von Unsicherheit geprägt. Dieses Bild ist abgeleitet von dem scheuen Reh Kapital, das beim leisesten Knistern im Unterholz schnell über die Grenze zur Schweiz flüchtet - wie uns Georg Schramm, mal erläutert hat.. Merke: Es sind nicht die zweistelligen Gehaltszuwächse der Konzernvorstände und GmbH-Geschäftsführer, die den Aufschwung gefährden, sondern die 100 bis 200 EURO mehr der normalen Angestellten.

In Unternehmen, deren Management so daher redet, gilt: "Ihr müsst um so billiger arbeiten, je schlechter wir euch managen." Und deshalb sind niedrige Gehälter ein Grund, den Fachkräftemangel für einen Wechsel zu einem gut gemanagten Unternehmen zu prüfen. Wie z.B. Bosch. Deren Chef hat in diesem Jahr nicht nur öffentlich verkündet (und sich daran gehalten), dass er mit Zockerbanken keine Geschäftsbeziehungen mehr pflegen wird. Er hat nun auch die Tariferhöhungen für seine Angestellten vorgezogen. Bravo.

Doch zurück zur Regierung: In den Zeiten des wochenorientierten Dorfsaujournalismus vergisst man ja schnell. Z.B. dass die Bundesregierung der Finanzlobby nachgegeben hat und beim G20 Gipfel die Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer (Tobin-Steuer) fallen lässt. Sie hat sich breit schlagen lassen vom Lobbyargument, 0,05% Umsatzsteuer seien das Aus für den "Finanzplatz" Deutschland. Und das gleiche haben die Bankenlobbies den anderen Finanzministern der G20 erzählt. Wir sollten zum Jahreswechsel einen Blick auf die Spendeneinnahmen der Regierungsparteien werfen, um zu prüfen, ob sich die Banken wenigstens erkenntlich für diesen wertvollen Gefallen gezeigt haben. Jörg Asmussen scheint jedenfalls sein Geld wirklich wert zu sein... Damit bleibt es dabei, dass die Finanzkrise nur von Sozialhilfeempfängern und Langzeitarbeitslosen finanziert wird. Die Banken bilden, nur damit die Diskussion darüber endlich endet, einen Krisenfonds für Rücklagen. Dazu musste ein Gesetz verabschiedet werden, sonst hätten sie auch das nicht getan. Die Beiträge der Banken in diesen Fonds liegen aber weit unter dem, was sie im Jahr an Boni an ihre Spieler ausschütten. Vielleicht auch unter dem, was sie im Jahr für die Kunst ausgeben, die sie in die Büros und Flure dieser Manager hängen.

Die Regierung hat auch entschieden, wer den größten Teil der Gesundheits"reform" übernehmen wird. Der Gesundheitsminister Rösler hatte im Wahlkampf noch verkündet, Beitragserhöhungen könne jeder, das besondere an der FDP sei, dass sie das System besonders gut verstehe und mit Intelligenz reformieren werde. Da kannte er den Einfluss der privaten Krankenkassen und der Pharmalobby noch nicht. Die Ärztelobby hingegen MUSS er gekannt haben. Den Ärzten geht es blendend. Der Pharmaindustrie gehts immer nur dann schlecht, wenn wieder mal Patente für ihre "Blockbuster" auslaufen. Dann halten sie die Hand auf für Fördergelder von Frau Schavan. Dann läuft es wieder. Und wenn es wieder läuft, steigen die Krankenkassenausgaben. Die meisten davon gehen inzwischen für Arztbesuche "nur so" und Tabletten aus Gewohnheit drauf. Die Regierung sollte mal prüfen, wieviel Krankheitskosten durch Pharma selbst verursacht werden und wie viele Arztbesuche nur soziale Bedürfnisse befriedigen. Die Krankenversicherten jedenfalls zahlen ab Januar höhere Beiträge. Stichwort: Nettlüge (FDP).

Dann war da noch das Thema Atomenergie. Genau in dem Jahr, in dem die Machenschaften, Schlampereien, kurz gesagt: die bewiesene Unfähigkeit von Regierungen, die Atomenergie professionell zu verwalten, von Asse II ruchbar wurden, genau in diesem Jahr, hat die Bundesregierung beschlossen, dass die alten Meiler noch mehr als zehn Jahre weiterlaufen dürfen. Um das zu erreichen, genügte es, eine ganzseitige Anzeige pro Atomenergie in die Zeitungen zu bringen. Unterschrieben von Talkshowmoderatoren, Unternehmensberatern und einem DFB-Manager, dessen Vater Vorstand bei einem Essener Stromversorger war. Besondere Auflagen für den Betrieb der alten Kraftwerke waren damit nicht verbunden. Das Thema Atommüll "behandelt" die Regierung so, dass sie nun forciert Gorleben zum Endlager fertigstellen lässt. Dass es im Süden der Republik ebenfalls geeignete Gesteinsformationen gibt, übersieht sie. Ihre Rhetorik geht so: Aus der Laufzeitverlängerung finanzieren "wir" den Ausbau der regenerativen Energien. Das kann sich aber nur auf die großen Energieversorger beziehen, die nachziehen müssen. Die Regierung hat den Großen mit ihrem Laufzeitgesetz Zeit verschafft, ihre Versäumnisse im Netzumbau und dem Aufbau von Windparks nachzuholen.

Denn die Menschen im Süden lassen sich nicht alles gefallen. Da würde es wieder Wasserwerfereinsätze brauchen, um ein Atommüllendlager auf der schwäbischen Alb oder im bayerischen Wald durchzusetzen. Nein, Mappus und Seehofer genügt es, mit der Entwicklung, Produktion und Betrieb dieser Kraftwerke sichere Steuereinnahmen zu erzielen. Den Müll dürfen wir im Norden bunkern...

In Stuttgart gab es Wasserwerfereinsätze zur autoritären Durchsetzung des "Lieblingsprojektes" des Bahnvorstandes. Richtig: Prio 1 in Sachen Deutsche Bahn haben nicht die Leistungsverzüge -um nicht zu sagen: Betrugssversuche- der Herren Grube und Homburg, sondern deren "Lovebabe": Ein weiteres Monument, das wie der Hauptbahnhof Berlin- nicht funktioniert, aber allen Eisenbahnfans und Bahnvorständen - die selbst nie Bahn fahren- eine Herzensangelegenheit ist: Stuttgart21.

Ja, und im Feuilleton lasen wir noch etwas davon, dass Minister Westerwelle es seiner Behörde Auswärtiges Amt wieder gestattet habe, heroische Nachrufe für verstorbenen Altnazis zu halten. Ob auch wieder oder noch ein Portrait von Ribbentrop im Büro der Abteilung 7 (Protokoll) hängt, wissen wir nicht. Westerwelle soll damit verhindert haben, dass es andernfalls auch für Scheel und Genscher keinen "edlen" Nachruf gegeben hätte. Aber von Richard von Weizsäcker haben wir vernommen, dass auch wichtigste Funktionäre der NSDAP nur in friedensstiftender Mission unterwegs waren, um schlimmeres zu verhindern. (Seine berühmte Rede zum 8. Mai war im Nachhinein eine Therapiestunde zur Familienaufstellung derer von Weizsäckers, scheint mir.)

So, und damit wir uns mit all diesen Machenschaften nicht zu sehr beschäftigen, hat die Regierung einen Popanz aufgebaut, der unsere Aufmerksamkeit absorbieren soll: Schüler, die auf dem Schulhof nicht deutsch sprechen. Hier müsse nun Deutsch Amtssprache werden, forderten CDU und CSU. "Integrationsunwillige" müsse man härter anpacken. Richtig: Aber bei dem Stichwort denke ich zuerst an die Kinderschänder der kathol. Kirche. Oder die Steuerhinterzieher aus Blankenese, Baden-Württemberg und Bayern. Wie sollen die denn wieder "integriert" werden? Ja, für die arbeiten Schäuble und sein schweizer Amtskollege gerade eine Steueramnestie aus. (Amnestie und Amnesie waren schon immer die wichtigsten Anliegen der deutschen Täterschicht).

Fassen wir es so zusammen: Die Täter-... äh Oberschicht hat unseren Staatshaushalt verzockt. Sie hat es bewerkstelligt, dass sie selbst keinen Cent dafür blechen wird, sondern die, an die aus Solidarität gegeben wird, und die, bei denen noch was zu holen ist: die Angestellten. Die Täterschicht selbst sieht sich nun zurück in der Gewinnzone und hält die Hand auf. Sie setzt ihre Projekte durch, wenn es sein muss, mit Wasserwerfern. Und als Blitzableiter baut sie islamische "Integrationsunwillige" als Sündenbock auf.

24 Oktober 2010

Die SPD will wieder sexy werden, sagt der Vorwärts

Mir gehen viele Themen durch den Kopf, aber ich komm auf keinen gemeinsamen Nenner und kann mich nicht konzentrieren...

Deshalb heute mal für die, die ihn noch nicht gelesen haben, der Link auf Stefan Laurins Abhandlung der Frage, wie die SPD wieder -in Worten- "sexy" werden kann: Link

21 Oktober 2010

Integrationsverweigerer in Nadelstreifen

Im Nachhinein passt es verräterisch ins Bild, dass mit Sarrazin ausgerechnet einer von Deutschlands "Oberbänkern" das Ablenkungsmanöver des Jahres in Szene gesetzt hat.

Nachdem die alte und die neue Bundesregierung mehrmals in nächtlichen Sitzungen Milliardenstützen für private und staatliche Banken beschlossen hatten, geht es nun darum, die Kosten dafür zu refinanzieren. Und dafür werden von Schwarz-Gelb diejenigen herangezogen, die schon vorher die Opfer der finanzindustriellen Revolution waren, in der man mit Wetten auf Werte mehr Geld scheffeln kann als mit der Schöpfung von Werten: Arbeitslose, Rentner und Arbeitende.

Mit einer Erhöhung um 5 EURO pro Monat sagte die schwarz-gelbe Regierung den Hartz IV Empfängern den Kampf an. Im gleichen Monat forderte der Chef der verstaatlichten Commerzbank, Ex-McKinsey Berater Blessing, dass die Regierung die Gehaltsdeckelung für seine Manager bitteschön aufheben möge. Als Begründung nannte er die Rückkehr der Commerzbank "in die Gewinnzone". Dreister kann man seine Gier und seine Anstandslosigkeit nicht begründen. Denn mit der "Rückkehr in die Gewinnzone" meint Blessing die Aussortierung seiner Spielschulden in die sog. Bad Bank. Er will sozusagen die Bestatter seiner ruinierten Geschäftsfelder dafür auszeichnen, dass sie es geschafft haben, uns Steuerzahlern möglichst viele Schulden zuzuschanzen. Haben wir etwas davon gehört, dass eines der Aufsichtsorgane mal kontrolliert hätte, was die Commerzbank alles in der Bad Bank abgeladen hat? Ich nicht.

Es ist überall in Europa das gleiche üble Schauspiel. Doch in England, Frankreich und Spanien gehen die Betroffenen auf die Straße und wehren sich. In Deutschland jedoch lieferte ausgerechnet ein Bundesbanker mit SPD-Parteibuch der Bundesregierung eine Steilvorlage für einen Sündenbock. Statt über die Integrationsverweigerung, Anstandsferne, Triebstruktur und Kosten der Staatsplünderer aus den Landesbanken und privaten Banken zu reden -ganz zu schweigen von den Staatssekretären, die ihnen die Wege bereitet hatten, wie z.B. Genosse Jörg Asmussen, diskutieren wir jetzt darüber, ob Gastarbeiterkinder der dritten Generation auf dem Schulhof deutsch sprechen sollen! Die CDU vekündet, sie habe keine Toleranz mehr für Integrationsverweigerer. Damit meint sie allerdings nicht die leitenden Angestellten der Finanzindustrie sondern Einwanderer. Darüber hat sich gestern sogar die FAZ aufgeregt:

Sozialschmarotzer tragen nicht nur Trainingsanzug, sondern auch Nadelstreifen. Ihr Handeln muss nicht gleich eindeutig illegal sein. Aber gerade wer sich als Führungskraft oder Teil einer Elite einer Gesellschaft versteht, die maßgeblichen Anteil am eigenen Wohlergehen hat, muss sich an diesem Anspruch messen lassen. ... Es stimmt schon: Letzten Endes muss man hier hart durchgreifen. Das gilt aber für alle Arten von Integrationsverweigerern.
Reinhard Müller, FAZ (Link)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Frage, die bis heute unbeantwortet ist: Wo bleibt der Beitrag der Banker zur Refinanzierung der von ihnen verursachten Systemkrise?

19 Oktober 2010

Bei der Kampagne Fachkräftemangel geht es um Lohndruck

Die Lobbyverbände -allen voran Gesamtmetall und die FDP- haben die Sprachregelung vom "Fachkräftemangel" erfunden, nachdem sie hunderttausende von Ausbildungsplätzen abgeschafft und die Einführung von Studiengebühren verlangt hatten.
Damit die daraus resultierende Verknappung von Fachkräften nicht zum gleichen Effekt führt, wie bei den sog. Eliten der Wirtschaft, nämlich: exorbitante Gehaltssteigerungen, muss nun für neue Konkurrenz gesorgt werden. Auch über Bedarf.

Der Witz ist aber:
Fachkräfte wandern aus Deutschland aus, die verbleibenden leiden trotzdem unter Reallohnverlusten. Da macht es sich bemerkbar, dass es keine starken Gewerkschaften mehr gibt, z.B. keine Deutsche Angestellten Gewerkschaft mehr.

Deutsche Manager kann im Ausland keiner gebrauchen, die meisten sind auch zu bequem für einen Umzug ins Ausland, trotzdem suggerieren sie weltweite Nachfrage und fordern Vergütungen auf dem Niveau der Wallstreet. Und haben Erfolg damit.

Das ganze ist also ein reines Verteilungsthema.

Ohne neue materielle Anreize wird es in Deutschland keine einzige neue Fachkraft geben.

18 Oktober 2010

Auf Schalke

Nicht weitersagen: am Wochenende war ich zum ersten mal in der Veltins-Arena. Es war mein zweites Heimspiel der Schalker. Das erste mal sah ich sie 1998 gegen Juve aus dem UEFA-Cup rausfliegen. Von der Atmosphäre im Parkstadion war ich aber selbst als Dortmunder echt ergriffen. Naja, neben VfL Wolfsburg und dem FC Eisern Union habbich eben auch ne Beziehung zu Schalke. Und deshalb wollte ich da schon lange mal unbedingt hin.

Wie kommt man an Tickets? Nur online. Ist n bisschen etepitete. Man registriert sich einfach und bestellt, nein, man wird irgendwie erstmal gefilzt und bekommt dann irgendwann seine Freischaltmitteilung. Vom Amt für Schalketickets.

Egal. Auf gehts an einem verregnetem Oktobersamstag.
Am Vorabend hatten wir uns die Regenrallye auf der A2 gegeben. Mehr als 140 ging nich. Deshalb neuer Verbrauchsrekord: Noch Sprit und Öl über als wir ankamen. Aber das beste: In dem wir vor die Haustür der Schalker rollen, schiesst der BvB das 1-2 gegen die Geißböcke. Darauf ersmal nen Kartoffelsalat und n Stauder :-))

Annäherung ans Gazpromtor. Ein Checkin wie am Flughafen..



Dem Ernst-Kuzorra seine Andenkenkneipe in der Arena. Für die Schalker eine Art Integrationsobjekt. Hier sippeln Schalker aller Gesellschaftsschichten an ihrem Pillek,

Wat dem BVB-Fan seine Aktie, das soll dem Schalker die Anleihe werden. Die Werbung sagt: Hier kannze bei Schalke unterschreiben. Ich sach nur: Subprime! Finger weg!



Dmals wars so: Als wir 2001 nach Berlin gezogen waren, wurde Schalker beinahe Meister. Im Jahr darauf holtense dann immerhin den DFB-Pokal. Sogar zweimal hintereinander. Besuch war garantiert. Seitdem sind wir die ständige Vertretung in Berlin. Hier ist der Beweis:



Ja und Fussek gespielt wurde auch noch. Not gegen Elend, nannte Tom das. Da lag er richtig.



Für die 61.000 Fans die reinste Nervenprobe... Stuttgart ging zweimal in Führung. Aber wer 1-0 führt, der stets...



Ja, und dann gabs in der zweiten Halbzeit, direkt vor unserer Nase, einen Freistoß für Schalke. Getreten von halb links in den Strafraum. Die Schalker springen hoch und sämtlich am Ball vorbei. Einer von ihnen fällt plötzlich um. Eine ewig lange Sekunde später pfeift der Schiri Elfer für Schalker. Den habe ich dann mal festgehalten:



Die letzten zehn Minuten dann waren ne echte Frechheit von den Schalkern. Es lief schon die ganze Zeit eigentlich nie was zusammen. Keine Spielideen, keine Pässe in den Lauf des Kollegen. Immer nur quer und erstmal Ball annehmen und dann nächste Anspielstation suchen. Dass sie nicht mal in der Schlussphase einen Drang und ne Idee zum Tor entwickelten, das war die reinste Arbeitsverweigerung. Strukturwandel hin, Gentrification her: Wer in jungen Jahren soviel Geld verdient, von dem würde ich als Fan vollen Einsatz erwarten. Nicht so auf Schalke. Hier muss nur das Konzept stimmen. Das durften wir auch schon morgens im großen WAZ-Interview mit dem Herrn Magath lesen: "Ich bin kein Schalke-Fan." (Ernsthaft!) Und: "Das muss allen klar gewesen sein, dass es schwierig wird."

Ich für meinen Teil glaube nicht, dass es bei Schalke noch ne Wende gibt. Das geht abwärts diese Saison. Da stimmen die Einstellung von Manschaft und Manager nicht.





Als wir dann mit der Bahn noch nen Abstecher nach Buer machen wollten, gab es für alle noch ein bisschen Loveparade Feeling: Die Bogestra muss -wie alle 14 Tage - vom ausverkauften Heimspiel überrascht gewesen sein. Sie fuhr erstmal nach Fahrplan. Es sollen sogar leere Wagen planmäßig abgefahren sein, die dann später einfach fehlten. Über all das gleiche. In Köpenick is das ja auch nicht anders..



Den ganzen Ärger spülten wir dann ersmal runter in der Hexe. Szenekneipe von Schalkern und Sozialdemokraten.

17 Oktober 2010

Die Porsche Saga

Vox hat vorige Woche eine lange Doku über die Geschichte der Firma Porsche gesendet. Absolut sehenswert. Wer es verpasst hat, kann es gerade auf YouTube noch ansehen - wer weiß, wie lange noch..

Berlin, Festival of Lights

Alle Jahre wieder das Beste am Herbst in Berlin: Das Lichterfest





14 Oktober 2010

That's what it is...



"There's frost on the graves and the monuments
But the taverns are warm in town
People curse the government
And shovel hot food down
Lights are out in the city hall
The castle and the keep
The moon shines down upon it all
The legless and asleep..



..There's a chink of light, there's a burning wick
There's a lantern in the tower
Wee Willie Winkie with a candlestick
Still writing songs in the wee wee hours
On Charlotte Street I take
A WALKING stick for my hotel
The ghost of Dirty Dick
Is still in search of Little Nell
That's what it is.."
Mark Knopfler, What it is

13 Oktober 2010

Abmahnwelle 2.0: der JMStV Jugendmedienschutzstaatsvertrag

Ich habe mich gestern Abend mal aufgerafft, im Prenzlberg an einem Arbeitskreis teilzunehmen. Es ging um eine Sache, die ich für Realsatire gehalten habe, nachdem ich sie verstanden hatte. Aber es ist bitterer Ernst der Sorte, die wir sonst von der EU gewohnt sind (a la Umweltzone, GDPdU etc.).

Es gibt in Rheinland-Pfalz ein paar Rundfunkpolitiker und Medienfunktionäre, für die sind Internetrechner und iPhones nur eine andere Form von Rundfunktempfangsgeräten. Das wussten wir schon. Aber sie kommen nicht nur auf die Idee, für diese Geräte, sogar alle vernetzten Geräte, bis hin zu Registrierkassen, GEZ-Gebühren einzuziehen.

Jetzt haben sie sich wieder was Neues überlegt: Den #JMStv, vulgo: Jugendmedienschutzstaatsvertrag. Das Kürzel ist sperrig, wird aber bald in aller Munde sein.

Es geht um Jugendschutz, Kinder sollen keinen Hardcore im Internet anschauen. Einverstanden. Nach der Diskussion im vorigen Jahr, als von der Leyen Stop-Schilder im Netz installieren wollte, hat sich die SPD auf das Motto: Löschen statt Sperren verständigt.

Das Prinzip: Es ist besser, einen Rechner, den Server mit der Ursache des Ärgernisses, zu behandeln, als Millionen surfender Clients. Noch hat sich das nicht durchgesetzt, da droht eine neue Lawine:

Jede Website soll sich künftig ausweisen müssen, für welches Alter ihre Inhalte zugelassen sind. Das soll nicht nur - wie bei Filmen, also Content, der sich nie verändert- für schöpferische Werke gelten, sondern für JEDE Seite. Auch Blogs. Auch Nachrichten. Auch Politiker. Auch Foren. Wenn deren Meldungen ("Angebote") thematisch zu brutal oder nicht jugendfrei werden, müssen sie ihre Webseiten entweder erst nach 23h frei schalten und morgens wieder ab, oder sie errichten "Mittel, die die Nutzung durch Kinder und Jugendliche erschwert oder unmöglich macht."

(Mein Genosse brachte als Beispiel für eine brauchbare Lösung das Angebot der spanischen Telefonica. Dort kann der Kunde anrufen und sagen: Bitte sperren sie unseren Internetzugang für alles, was nicht jugendfrei ist. Zak, so einfach gehts auch. Ist für Deutschland aber anscheinend zu einfach..)

Wer das nicht einhält, dem droht die Abmahnwelle. Anwälte, für die Rechtsmissbrauch eine wichtige Einnahmequelle ist, frohlocken schon.

Man erzählt sich, solche Hirngespinste werden von Gestalten erdacht, die sich mit der heutigen Technik nicht so auskennen, aber die Zeiten von Rundfunktmedienanstalten miterlebt haben, und sich bis zur Pension noch ein wenig einbringen wollen. Jugendschutz macht sich da immer gut. Staatsverträge werden auch nicht in Parlamenten diskutiert. Sondern sie sind plötzlich da, werden von einem Referenten der Landesregierung vorgelegt und dann unterschrieben. Und dann ist es manchmal zu spät. Und dann fangen manche an, sich dafür zu interessieren, was sie da unterschrieben haben. Dann sehen sie ein, dass sie Mist gebaut haben. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie ihren Fehler revidieren. Nee, da könnte der Gegner einen Nutzen raus ziehen. Die SPD schweigt. Die CDU, auch die Junge Union, wirbt für diesen Unsinn.

Stoppen kann das nur noch die NRW-Landesregierung. Der Regierungswechsel hat die Unterschrift bisher verzögert. Die Netzgemeinde hofft und betet -fraktionsübergreifend, außer der CDU- dass der Unsinn noch gestoppt wird. Ich hoffe das auch..

12 Oktober 2010

Solid Gold?

Achtung: Die Goldpreisentwicklung wird in den Medien häufig in US-Dollar gezeigt. Die Langzeitkurven besagen, dass sich die Unze Gold innerhalb von zehn Jahren von 200 auf 1350 Dollar entwickelt habe. Ist das die Wachstumgsstory des zurückliegenden, phantasielosen Jahrzehnts?

Nein, es ist die Verluststory des US-Dollars. Aus EURO-Sicht gilt eigentlich: Nicht Gold steigt, sondern der Dollar sinkt in die Bedeutungslosigkeit. Nur weil etliche Regierungen das Heil für ihre Exportwirtschaft darin sehen, gegenüber dem Dollar künstlich abzuwerten, steht der Dollar noch relativ gut dar. Das treibt den Goldpreis aber künstlich weiter hoch.

Während der Bush-Jahre drohten die arabischen Erdölländer schon einmal damit, Öltanker nicht mehr in Dollar sondern in EURO abzurechnen. Damit wäre der Dollar in die zweite Liga abgestiegen und die US-Regierung konnte das abwenden. Dann kamen die Spielverluste, der Bankrott der Finanzkrise dazu. Das hat nicht nur zu einer exorbitanten Staatsverschuldung der USA geführt, sondern auch zu einem tief sitzenden Vertrauensverlust in die Bilanzen von US-Unternehmen, vor allem aus dem Bankensektor.

Welche innere Stärke der US-Wirtschaft bleibt eigentlich übrig? Mir fällt keine ein. Aus unserem New York Urlaub habe ich keine anderen Eindrücke mitgenommen, als dass es den USA an kreativen und wirtschaftlichen Impulsen fehlt. Außer Apple ist da nichts. Die Immobilienpreise sind günstig. Selbst Appartements in New York werden für Normalbürger erschwinglich.

Die US-Amerikaner sind ein betrogenes, verschüchtertes, bespitzeltes und ausgelaugtes Volk geworden. Das ist das Ergebnis der Bush-Jahre. Trotzdem glaube ich an die innere Stärke Amerikas. Damit die sich wieder Bahn bricht, sind aber gewaltige gesellschaftliche Umbrüche nötig. Erste zaghafte Ansätze dafür haben wir wahrgenommen. Z.B. scheinen immer mehr Menschen die Oberflächlichkeit, die Lüge und die Angst satt zu haben. Ein neuer Sinn für Qualität entsteht. Aber es kann zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis sich das in einer wiedererstarkten Volkswirtschaft äußert.

Für europäische, vor allem deutsche, Anleger folgt daraus aus meiner Sicht: Nicht jetzt noch in Gold einsteigen, und wenn, dann nicht in EURO bezahlen, sondern in US-Dollar.

08 Oktober 2010

Green New York


Deja vu: Ankündigung von Radrennen in der Stadt

Nachdem sie zweimal von Intensivtätern an den Rand des Abgrunds gedrängt wurden, wenden sich die New Yorker anscheinend wieder den wahren Dingen des Lebens zu. Auf unseren Spaziergängen durch die Lower Eastside, Greenwich Village und Chelsea, aber auch im Financial District fiel uns auf: Die Leute sind langsamer geworden. Bewusster. Die Deli-Shops werben mit Qualität und lokaler Herkunft.


Home made: Cup Cake Konditor

Das Personal ist nicht mehr aufgesetzt freundlich, sondern freundlich. Es scheinen andere Leute das Geschäft zu machen, als noch vor fünf Jahren. Im Hotel Houston werden wir von der asiatischen Empfangsdame begrüßt und erfahren, dass das Frühstück inklusive ist. Und das Frühstück ist gut. Die anderen Gäste witzig und sehr freundlich.

In den Villagebewohnern erkennen wir Gutmenschen. Aber angenehmeren Typs als in Berlin. Nicht ideologisch aufgeladen, nicht vorrangig darauf bedacht, moralisch immer recht zu haben und im Recht zu sein, wenn er die Regeln zu seinen Gunsten zurecht biegt. Z.B. im Straßenverkehr. Nein, es gibt auch den Typus "guter Mensch", der Qualität will, der im Gleichgewicht sein will und der sich von Hypes, Ängsten und anderen Manipulationen nicht mehr beirren lassen will. Dem Familie wichtig ist, der aber auch die Manipulationen seiner eigenen Familie austherapiert hat - und sei es nur durch die Identifikation mit den Romanfiguren eines Jonathan Franzen..

Wir machen unseren ersten Spaziergang Richtung Manhattanbridge und erfahren, dass die Stadt am Wochenende wegen eines Radrennens gesperrt wird. Das kennen wir aus Berlin, allerdings ideologischer. Wir wollen mit dem Bus fahren, zählen die 1-Dollar-Scheine ab. Der Busfahrer klärt uns auf, dass wir in Münzen bezahlen müssen. Haben wir nicht. "Habt Ihr nicht? Then go ahead.." Er nimmt uns so mit und wünscht uns beim Aussteigen noch ein "Enjoy New York!". Mit der U-Bahn durchqueren wir den East River nach Brooklyn. Ich erinnere mich an die Story des Ruhrbarons Arnold Voss über Gentrification in Williamsburg. Wir wollen den Brooklyn Bridge Park sehen und die neu gestalteten Piers. Und werden nicht enttäuscht. Der Uferweg unter der Brücke führt ins Grüne. Einen Park, den ein junges Paar für seine Hochzeitszeremonie nutzt (was wir gut verstehen können ;-). Die Atmosphäre ist hier einzigartig. Die Oktobersonne strahlt, der Verkehr hoch oben auf der Brooklyn Bridge rauscht vorbei. Dieser Blick auf Manhattan unter einem strahlend blauen Himmel ist unersättlich. Wir gehen weiter zu den Piers. Hier gibt es ein Brücken-Cafe und der Parkweg führt vom Pier 1 zum Ufer. Dort entlang bis zum Ende und zurück durch den hügeligen Park. Von dort schaut man über grüne Wiese und durch herbstliche Bäume rüber nach Manhattan. Ein Bauschild sagt, dass man hier im nächsten Jahr auch mit Kanus Richtung East River ablegen kann.




Der neue grüne Deal: die New Yorker Brückentechnologie

Auf den Straßen gibt es einen Trend zu Hybridantrieben. Die neue Taxigeneration, Modell Ford Escape, hat durchweg Hybridantrieb. Einige Linienbusse auch. Und sogar Stretchlimos tragen das Schild an ihren Flanken. Der Lexus 400 Hybrid ist eines der häufigsten "Manhattan Cars".


What if God was one of us? Just the driver of the Hybrid bus..

Dieses New York ist das Gegenteil von 1999. Damals: Business und Technologie Hype. Angst etwas zu verpassen. Die Börse fährt ohne einen ab, wenn man zu spät kommt. Atemlosigkeit. Die Hand am Zentralrechner der New Yorker Börse. Heute: Ruhig, grün, auf dem Ökotrip. Zum ersten mal konnte ich mir realistisch vorstellen, dort zu leben und zu arbeiten.

Zurück in Manhatten, an der Westside, gibt es eine still gelegte Hochbahnlinie aus den 30er Jahren.(Eine Güterzuglinie, hoch gebaut, damit sie den Straßenverkehr nicht gefährdete). In Berlin und Dortmund lässt man so was einfach verrotten und nennt es dann Gleismeer oder Vintage. Die New Yorker Regierung und die "Freunde der Highline" hingegen veranstalteten einen Ideenwettbewerb und eröffneten im Sommer 2009 den ersten gestalteten Abschnitt. (Mehr Infos: TheHighline.org)




Last not least: The very special Jefferson Market Garden in Greenwich Village

Fotos: Frontmotor

06 Oktober 2010

"No standing any time": Die Wallstreetboys

Wir waren ein paar Tage in New York. Es hat sich einiges getan seit dem letzten Besuch 2005. Und erst recht, wenn man zehn Jahre zurück blickt. Ich werde in den kommenden Tagen darüber berichten. Anfangen will ich mit den Bänkern. Dann habe ich sie hinter mir..

Vor zehn Jahren waren sie die Herren des Universums. Heute wirken sie nur noch peinlich: Die Banker. Der Hass auf sie hat sich gelegt, die New Yorker belächeln und bemitleiden sie inzwischen eher. Wer vom Leben nicht mehr erwartet, als seine Gier in einer Spielhölle auszuleben, hat auch nicht mehr verdient.

Das intellektuelle New York ist von der grünen Welle erfasst. Überall liest man von "organic", "hybrid" oder "home made". Man achtet wieder auf Qualität und hat die Blasen satt. Zieht man durch die Lower East Side, Greenwich Village oder Chellsea, sieht die aufs aufrichtige Gutsein bedachten Menschen und laufen einem dann Anzug tragende Banker über den Weg, wird es unübersehbar: Dieses Investmentzeitalter war wie ein Big Mac. Nichts dran, nichts dahinter und man hat bald wieder Hunger. Sie wirken um so peinlicher, je überheblicher sie daher kommen. Überheblichkeit ist es etwas, was in New York inzwischen völlig verpönt ist. Man ist freundlich, hört zu, stellt Fragen. Nur die Bänker nicht.

Man hat die Banker rausgehauen, wie die notorisch prügelnden Typen aus den Problemfamilien. Sie haben sich nicht bedankt. Sie haben bis jetzt ihre Schuld nicht bekannt. Kaum geht es ihnen besser, fangen sie schon wieder von vorne an. Die einzige Geste, die sie für ihre Umwelt übrig haben ist der Zaun, den sie um die Börse gezogen haben. Man kommt nicht mehr an sie ran. Sogar die U-Bahnzugänge haben sie dicht gemacht. Sie haben Schiss, weil sie vielleicht doch ein schlechtes Gewissen haben?

Gut passt auch das rote Verkehrsschild, das auf sie zeigt und sagt: NO STANDING ANY TIME:




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