In einem Fernsehbericht über die Filmfestspiele in Cannes, genauer: über den Film, der die Karriere von Frankreichs Antwort auf Gerhard Schröder, Nicolas Sarkozy, nachzeichnet, fiel der Satz. "Frankreich hat zum ersten mal keinen intellektuellen Präsidenten."
Da harren wir Deutschen schon wesentlich länger aus. Wir sind schon in den achtziger Jahren entwöhnt worden. Bei uns ist es seit langem Trumpf, sich von Intellektuellen, bzw. -da wir ja kaum noch welche haben- deren Anspruch zu distanzieren.
Brachte das vorige Jahrhundert den Ersatz der (auf Vererbung beruhenden) Dynastie durch die Trennung von Rolle und Person, mussten wir im neuen Jahrhundert als erstes den Ersatz der Regierungskunst durch "Konzepte" und "Prozesse" zur Kenntnis nehmen. Standardisierte Abläufe sollen die Qualität des Arbeitsergebnisses von der Qualität der Mitarbeiter unabhängig machen. Diese Unabhängigkeit erkauft man sich mit zwei Nachteilen: 1. einer immer unflexibleren und lebensferneren Organisation und 2. einer fortschleichenden Entmündigung der Mitarbeiter, mithin: ihrer schwindender Urteilsfähigkeit. (Beispiel: Die skriptgebundenen Agenten in Callcentern)
Die Berater, die von der Prozessberatung in Unternehmen lange gut gelebt haben, haben sich irgendwann auch auf die Politik gestürzt. Sie erfanden Begriffe wie "demokratischer Prozess".
Politikverdrossene hätten der Hoffnung erliegen können, dass auch hier Prozesse die Qualität der Regierungsleistung von der Qualität der Regierenden unabhängig machen. In Deutschland könnten wir so ein Wundermittel gut gebrauchen. Doch es lief eher so, dass unser Regierungspersonal -unabhängig von der Farbe ihrer Trikots- im Einsatz von Agenden, Kommissionen etc. eine Gelegenheit sahen, eigene Defizite im politischen Denken als das Ende der alten Ideologien zu verkaufen.
Schröder kannte nur noch "moderne" Wirtschaftspolitik. Sein Motiv war, ein Paradebeispiel für die Thesen von Alice Miller, die Kompensation vermisster Elternliebe und -anerkennung durch Beliebtheit bei den Bossen. Er spannte die Bosse, ob Konzernpersonalchef oder windiger Finanzaufschwatzungsunternehmer, sogar in seine Regierungsarbeit ein. Heraus kamen komplizierte Projekte, die allesamt nach hinten losgingen.
Die Deutschen mochten an Schröder vor allem dessen "Tatkraft". Was mochten sie an Merkel und Westerwelle? Merkel vereint etwas Seltsames: Doktortitel und Antiintellektualität, erkennbar vor allem an ihrer sprachlichen Armut und Ungelenkheit und der Phrase, mit der sie Guttenberg Schutz vor der Kritik an seinem geistigen Diebstahl bieten wollte. Merkel hat ihren Doktortitel verraten, durch Wort und Tat.
Intellektuell schmerzhaft sind auch die Ergüsse von Guido Westerwelle. Ihm geht fast alles Politische ab. In seiner Abschiedsrede buhlte er noch einmal um Applaus mit folgender "Denkfigur": Er kritisierte die Linke dafür, dass sie die Globalisierung "ideologisiere". Dabei sei die Globalisierung doch - und darin sah er einen Widerspruch- "Fakt". Als ob jemand bestritten hätte, dass es die Globalisierung gibt. Aber "Fakt" ist auch, und zwar vor allem, und zwar vor allem für einen Politiker, dass ihre Gestaltung eine höchst politische Angelegenheit ist. Da geht es um die Analyse der eigenen Interessen (ein deutsches Defizit seit Genschers Abtritt), um Wirtschaftspolitik (ein deutsches Defizit seit Gründung der Bundesrepublik) um Verteidigungspolitik gegen die neuen Herausforderer. Es geht sogar um Kultur und Diplomatie. Es geht um internationale Spielregeln wie GATT, GATS, Finanztransaktionssteuern etc. Doch für all das scheint Westerwelle blind zu sein. Und wieder verkauft er seine fehlende Politisiertheit als "liberalen Ansatz".
Es ist die offene intellektuelle Flanke, die unsere Regierungen so anfällig macht für Lobbyisten und Journalisten. Sie plappern Phrasen von Bankern nach, ohne deren Inhalt und Tragweite zu verstehen. Hier und da verstehen sie dann doch mal etwas und posaunen es sogleich laute als Heureka! heraus. Sie widerstehen nur selten der Versuchung, sich von Zeitungen erst hochschreiben und dann fallen zu lassen.
Über die technischen Neuerungen der vergangenen zehn Jahre und die gesellschaftlichen Veränderungen die sie ausgelöst haben und die Chancen die sie für uns kulturell und wirtschaftlich geboten haben, darüber habe ich von deutschen Regierungen nicht ein Wort gehört. Es läuft schlicht an ihnen vorbei, weil ihre Karrieren nicht davon abhängen, wie gut wir Chancen erkennen und die Veränderungen vielleicht sogar mitgestalten.
In unsere Parteiensystem setzen sich keine Typen mehr durch, sondern die, die am besten die Satzungen und "Prozesse" verstehen und Stehvermögen für eine Kungelrunde nach der anderen haben. Kungelrunden nicht für politische Deals mit anderen Parteien und Organisationen. Darin sind sie völlig ungebübt und desinteressiert. Nein, ums Kungeln auf die Listenplätze und Vorstandsposten geht es. Wir erleben heute keine "Kampfkandidaturen" mehr, weil die Sieger eben das Kungeln in höchster Form beherrschen. Sie kommen in Parteien an die Spitze und in Parlamente und müssen dabei nicht einmal die Hausschuhe gegen Straßenschuhe tauschen, weil sich alles im eigenen Apparat abspielt. Rühmliche Ausnahmen stellen oft die Direktkandidaten dar. Denn hier muss man wirklich persönlich Wahlkampf betreiben, auf den die Satzungsspezialisten nur selten Lust haben. Für die besteht Wahlkampf nämlich darin, eine Agentur mit der Gestaltung und dem Druck von Flyern zu beauftragen und diese dann von einer anderen Agentur an Briefkästen verteilen zu lassen.
Ein Neumitglied des brandenburgischen Landesverbandes einer Partei erzählte mir mal, die erste Frage von Bezirksvorstand an ihn sei nicht gewesen, was ihn an der FDP reize, was er denn mache und vorhabe, sondern "wen er denn im Landesverband kenne" - also: wessen Lager er zuzurechnen sei, das jetzt einen Mann und eine Stimme mehr gegen möglicherweise die eigene Kandidatenpläne habe. Er antwortete: "Niemanden." Das wurde ihm dann als besondere Ausgefuchstheit und Intransparenz ausgelegt. Kann ja nicht sein, dass einer einfach so, aus Überzeugung, in die Partei eintritt...
Die so funktionierenden Parteien sind aber eigentlich nur die passende Antwort auf eine Gesellschaft, die ihre Intellektuellen hauptsächlich missachtet. Ausgenommen natürlich, wenn es darum geht, sich als Kulturvolk, von anderen -wie z.B. den USA - abzugrenzen. Aber normal ist, über Politik etwa so zu reden: Die Politiker, die labern nur. "Labern" also als zusammenfassender Begriff für Plädoyer, Argumentation, Diskussion.
Aber auch in der Politik, vor allem den sog. bürgerlichen Parteien, gilt ja: Mehr als drei Sätze im Zusammenhang sind schon eine Ideologie.
Den Nutzen haben die, die viel zu verlieren haben. Denen es die Sache einfacher macht, wenn Politiker zwar an der Regierung sind, aber nicht die Macht haben, sondern lenkbar sind. Die keine Leute an der Spitze wollen, die die Leute zum nachdenken bringen, zu Erkenntissen gar. Sondern Leute, die den Eindruck machen, sie könnten Massen beeinflussen. Über die Medien. Als Ablenkungsmanöver von dem, was vor sich geht. In der Schuldenkrise. Den Reallohnverlusten, den Spekulationsverlusten der kleinen Leute.
Wer gegen Intellektualität ist, ist auch gegen Demokratie. Will die Leute dumm halten, damit er sie ausbeuten kann. Somit hätten die oberen Stände in unserem System wieder den Zustand erreicht, den sie mit dem Kaiserreich glaubten aufgeben zu müssen.
2 Kommentare:
Hallo Frakn,
welche Begrifflichkeit für Intellektualität verwendest Du hier?
Nach der allgemeingültigen Def. gibt es gerade unter den "Technikern" herzlich viele Intellektuelle, die durch "sprachliche Armut und Ungelenktheit" brillieren. Ihnen deshalb die Intellektualität abzusprechen geht mir dann doch ein wenig wetit.
Die Soziologie unterscheidet ja zwischen Intellektuallität und Intelligenz. Meintest Du diese Begrifflichkeit? Das ist beides übgrigens selbst bei den Soziologen umstritten.
Intelligenz beschreibt eine persönliche Befähigung. Ein Merkmal.
"Intellektuell" beschreibt eine gesellschaftliche Rolle, die ein mit Intelligenz begabter Mensch einnehmen kann, um öffentliche Diskussionen anzustoßen oder zu beeinflussen.
EIn sprachlich "armer" Mensch, der nicht formulieren kann, was er denkt, den würde ich nicht als Intellektuellen bezeichnen. Wer nicht klar spricht, der denkt auch nicht klar.
Das ist nicht zu verwechseln mit komplizierter Sprache. Gerade einfache Sprache kann sehr stark sein. Frau Merkel (aber auch z.B. Müntefehring) benutzt eine komplizierte Sprache. Sei es, um uns zu beeindrucken, sei es der Versuch, niemanden vor den Kopf zu stoßen und den Eindruck zu erwecken, die bediene die Wünsche aller -eigentlich gegensätzlicher- Interessen und Positionen.
Man kann -und muss- auch von den meisten Technikern erwarten, dass sie kommunizieren können. Zumindest von denen, die täglich mit Menschen zu tun haben, oder anderen die Ergebnisse ihrer Arbeit rüber bringen müssen. Wenn das Lampenfieber zu groß ist, dann eben schriftlich.
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