21 Februar 2012

Was das CDU-Zentralkomittee über die Nominierung von Gauck twitterte

Wir waren auf der Rückfahrt aus den Dolomiten, als wir auf MDR Info vom sich anbahnenden Koalitionskrach hörten. Die FDP bestehe auf Gauck, Merkel habe das "brüsk abgelehnt", hieß es. Kluger Schachzug von Rösler, dachten wir und drückten ihm die Daumen, dass er das durchhält. Abends lief im Sonntagabendkrimi im Ersten dann das Laufband, die CDU habe zugestimmt. Wenig später dann, für mich überraschend, sogar eine gemeinsame Pressekonferenz.



Unübersehbar empfinden Gauck und Merkel einander als Zumutung. Die Spekulation über die Gründe dafür ist keine allzu große Denksportaufgabe. Gauck verkörpert Geist und Mut, vor allem wohl Freiheit. Merkel von allem das Gegenteil. Und man sieht ihr die Zitrone, die sie am Tage schlucken musste, an. Gauck muss hier wie alle improvisieren. Dennoch gelingen ihm erste Spitzen gegen Merkel: "Sie Frau Bundeskanzlerin haben mir auch versichert, dass Sie auch in anderen Zeiten mir gegenüber Hochachtung und Zuneigung empfunden haben." Und: ".. die Wiedervereinigung, die Sie dankenswerterweise erwähnt haben.."

Das wird sicher spannend werden, ich freue mich da jetzt schon drauf. Welch ein Unterschied zu den Wulffs und ihrer vulgären, mitnehmerischen Interpretation eines aufgestiegenen Berufspolitikers. Und zu Merkel selbst, die keine Probleme mit einem der Korruption verdächtigen Bundespräsidenten oder dem akademischen Hochstapler Guttenberg hatte, wohl aber mit einem Bürgerrechtler aus ihrer früheren DDR.

Abends und tagsdrauf aber zeigt Merkels Apparat bei der Verdrehung der Wahrheit dann, wie wenig Hemmungen er hat, hier für Merkel noch etwas rauszuholen. In einem Maß, das selbst für Merkels Kader überrascht. Peter Altmaier und Steffen Seibert veröffentlichen auf Twitter, dass Gauck ein Vorschlag Merkels gewesen sei. Man fühlt sich erinnert an frühere Pressemitteilungen des Zentralkomittees der SED. Es war doch genau dieser Werteverfall, zu dem auch die bewusste Unwahrheit (um bösere Worte zu vermeiden) gehört, der Wulff zwei Tage vorher zu Fall gebracht hatte.


Kommentare:

FF hat gesagt…

Ich fürchte, daß Sie/wir/ich einer optischen Täuschung erliegen, was den famosen Herrn Gauck angeht.

Der ist beileibe nicht der Heros, zudem ihn die Springer-Presse und (er sich selbst natürlich) verklärt.

Freiheitsheld und Widerstandskämpfer wurde er erst, als es nichts mehr kostete und politisch wohlfeil war.

Dafür aber umso entschiedener. Grotesk, daß er heute die "Wiedervereinigung" fast schon für sich allein reklamiert.

Remember: der Mann war in der DDR privilegiert wie nur wenige. Pfarrer, Söhne im Westen, Reisekader, sprich er durfte in den Westen. Sowas gab's nicht umsonst.

Als selbsternannter Großinquisitor hat er die Stasi-Akten ganz ungeniert und gezielt genutzt, um etwa die Linke oder Herrn Stolpe zu diskreditieren - in schöner Regelmäßigkeit vor Wahlen tauchten neue "Beweise" auf. Das brachte ihm natürlich Punkte, etwa bei Kohl.

Seine eigene Akte hat er unter zwei Augen "eingesehen". Kein Mensch weiß, wie diese Unterlagen vorher aussahen.

Soweit die Fakten. Gauck ist insofern ein untypischer Pfarrer, als er keineswegs auf Seiten der Mühseligen und Beladenen, der Armen und Schwachen, sondern immer da zu finden war, wo die Macht, der Einfluß, die Lorbeeren sind. Damals wie heute.

Fast eine Art DDR-Wulff. Der Drang nach oben, zum Licht, zum Glanz, zur Geltung, zur "Bedeutung" ist durchaus vergleichbar, das schauspielerische Talent berufsbedingt stärker ausgeprägt.

(Die Ostdeutschen wissen das. Der MDR etwa hat vorgestern eine Umfrage aus dem Netz genommen, in der sich 70 % gegen G. als Bundespräsident ausgesprochen hatten.)

Na gut, meinetwegen. Soll er. Als B. ist er ohnehin nur ein Grüßaugust. Da kann ein Mann von vorgestern nicht viel Schaden anrichten.

PS.: Trotzdem besteht die Chance, daß sich Gauck a) um Kopf und Kragen redet, b) seine Vergangenheit ähnlich wie diejenige Wulffs einer öffentlichen Neubewertung unterzogen werden muß.

Let's see.

Frank hat gesagt…

Danke für die Hinweise, FF. Ich gebe zu, dass ich vor allem die HOFFNUNG habe, in diesen intellektuell ausgedörrten Zeiten, mal wieder eine Stimme mit Geist zu vernehmen. (Nicht zu verwechseln mit "Personenkult", wie manche Twitterer das taten).

Bei Obamas Rede in Berlin ging es mir auch schon so. Wir haben Merkel, die unsere Sprache verunstaltet.

Ich habe inzwischen auch mehr über Gauck gelesen, und dabei ebenfalls das Bild desjenigen gewonnen, der sich auf die Seite der Wende warf, als klar war, dass sie gewinnt. Ich kann nur schwer einschätzen, wie man diese Geschichten werten muss. Ob die mit Spin geschrieben sind.

Woran ich mich auch erinnere, ohne dies googeln zu können, ist, dass ich damals oft stutzte, wenn der Stasiunterlagenbehördenleiter Gauck milde mit dem einen oder anderen Stasioffizier umging. Ich meine mich erinnern zu können, dass das damals mit der Maßgabe Kohls und anderer zusammenhing, "jetzt nach vorne zuschauen". Auch da war wieder eine Kontinuität und Solidarität (oder soll man sagen: Komplizenschaft?) herrschender Klassen über Systeme hinweg vernehmbar.

OK. Obama war im nachhinein eine Enttäuschung. Ich hoffe, dass Gauck besser ist.

FF hat gesagt…

Jo. Die "Hoffnung auf eine Stimme mit Geist in intellektuell ausgedörrten Zeiten" - die teile ich. Daß sie als letzte stirbt, diese Binse verkneife ich mich mir.

Noch ein winziges Gauck-Detail, das eh fast überall steht: dem Mann wurde für seine Aktivitäten in der DDR ein VW-Bus zu Verfügung gestellt. (Daß Gauck über die "Rolex" unter den Privilegien, die Reisefreiheit, verfügte, erwähnte ich.)

Nur ein Ostdeutscher kann ermessen, was der Besitz eines funkelnagelneuen "Westautos" zu DDR-Zeiten bedeutete. Der kam gleich nach der "Rolex", und zwar nur ganz knapp.

Als Maßstab eine kleine Episode aus meinem DDR-Leben. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, etwa zeitgleich meinen Wehrdienst bei den Grenztruppen in Berlin zu verbringen. Dem Kommandeur des Grenzkommandos Mitte, einem verdienten Generalmajor mit Zweitstudium in Moskau und selbstverständlich Genosse, gelang es trotz heißen Bemühens nicht, sich für seinen Privatgebrauch einen VW "Golf" zu beschaffen.

Gauck vermochte sich einen VW-Bus zu organisieren...

Für mich ist er ganz klar der DDR-Wulff.

Der wird uns noch viel Freude machen.

Frank hat gesagt…

Tja. Die WELT macht heute eine Gegenüberstellung zwischen Gauck und den ehemaligen Bürgerrechtlern. die Gauck kritisieren und als BP ablehnen. Und führt es auf die Richtungsunterschiede zurück, die die Mitglieder von Bündnis90, neuem Forum etc. nach der Wende nahmen.

Ich fände es wichtig, vor der Wahl Klarheit über Gauck zu bekommen und halte die früheren Macher und Mitmacher der Wende dafür für die geeignetsten "Zeugen". Wessis können das nicht wirklich beurteilen, wir lesen nur Zeitung und befragen unseren Bekanntenkreis.

FF hat gesagt…

Ja. Es ist alles sehr deprimierend...

Allein diese ollen Kalter-Krieg-Stasi-DDR-Ost-West-Kamellen, die mit Gauck nun wieder neu aufgekocht werden... Deutungskämpfe, Stellungskriege, Animositäten, Eitelkeiten von (vor)gestern. Alte Fieberschauer, die durch alte Knochen rasen...

Für Historiker allemal interessant - aber 2012 ff. drücken uns andere Sorgen.

Und wieder mal hat es die "S"PD, pardon, großflächig verkackt. Spielen zwei Jahre lang ihr kindisches "Wir-sagen-Gauck-weil-sich-dann-die-Merkel-ärgert"-Spiel. Freuen sich dann wie Bolle über Gauck, der so ziemlich alles verächtlich macht, wofür die SPD (die alte) jemals eintrat.

Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität - Gauck hat von 2 und 3 noch nie was gehört, und 1 buchstabiert er so seltsam, daß sich die neuen Salon-Rechten a'la Sarrazin ins Fäustchen lachen. Die "Junge Freiheit" jubiliert "Wir sind Präsident"...

Aber die "S"PD hat am famosen Pfarrer einen Narren gefressen. Was wollen diese Agenda-Hengste eigentlich? 10 Prozent?

Willy Brandt dürfte gerade sehr unruhig werden, in seinem kühlen Grab.

Und dann die Linke. Verirren sich mit ihrem Vorschlag noch tiefer im Historischen Seminar. Beate Klarsfeld - sie ohrfeigte Kiesinger... Gut und schön, aber: wer weiß denn heute, wer Kiesinger war und warum und von wem er seine Schelle bezog? Dieser Vorschlag wäre 1994 mutig gewesen, aber heute? WTF?

Das einzige, was unsere politische Klasse außer Auf-Zeit-Spielen, Aussitzen und Gesundbeten noch inbrünstig aufführt: bizarre Eiertänze um Pöstchen und Pfründe.

Wäre sicherlich alles kurios, wenn's nicht schon so traurig wäre.