Freitag, 27. April 2012

Resümee über Kreativität nach sechzehn Ingenieursjahren


Resümee aus meinen Ingenieursjahren in Konzernen und kleinen Organisationen:

  • Ja, ich habe mir angewöhnt, Erfindungs-und Verbesserungsideen schriftlich festzuhalten und einzureichen.
  • Ja, ich habe ein Skizzenbuch, in dem ich auch noch nach Jahren Werdegänge von Ideen verfolgen kann und immer wieder erstaunt feststelle, wie schnell "utopische" Annahmen von der Realität übertroffen werden.
  • Nein, meine besten Inspirationen hatte ich nicht in Brainstormingsitzungen, sondern wenn ich einen Mangel oder Bedarf entdeckte, den man durch Transformation von Erfahrenem oder Gelesenem bedienen könnte.
  • Ich hatte gleich mit der ersten Idee den größten Erfolg. Es hat mich ermutigt, Ideen nicht wegzuschmeißen, sondern zu entwickeln. 
  • Besser als eine Brainstorminggruppe ist das Gespräch mit einem oder zwei Gleichgesinnten, die aus unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen kommen. Ungefilterte Assoziationen kommen nur in vertrauenswürdiger Umgebung oder wenn klar ist, dass die Ideenurheber als solche anerkannt bleiben (d.h. wenn der Chef teilnimmt, der aber selbst als starker Filter wirkt).
  • Im trockenem Konzernumfeld fliegt mir mehr Inspiration zu als in einer aufgekratzten  "Kreativagentur" oder "Beratung". Eitle Konkurrenz stachelt nicht an, sondern törnt ab. Die Antwort auf die Frage liegt nicht darin, das Fragezeichen wegzuwischen.
  • Viele Manager, sogar solche, die Ideenwettbewerbe organisieren, dementieren es, selbst auch kreativ sein zu müssen. Als "unsere Kreativen" bezeichnen sie nämlich gerne die unteren Gehaltsbänder in der FuE.
  • Politiker verstehen nicht, dass Kreativität erst dann wirtschaftlich zündet, wenn sie zu Massenprodukten führt, die sich exportieren lassen. Sie halten eine "kreative" Dienstleisterszene aus Auftragsprogrammierern bereits für Erfolg.
  • Viele wahrhaft kreative Menschen unterschätzen ihre Ideen und trauen sich nicht, eine Erfindungsmeldung einzureichen. 
  • Bring Funktionenerfinder mit Technologieerfindern zusammen. 
  • Bring ITler mit Prozessorganisatoren zusammen. 
  • Bring Absolventen mit Seniorberatern zusammen.
  • Vorsicht: Der Ideenklau geht um. Ein Kollege reichte einen fremden Beratungsthemenvorschlag  als Beitrag zu einem Ideenwettbewerb ein. Und verlor ;-)
  • In der Wertschöpfungskette der Piraterie folgt nach dem Ideenklau der Kampf um die Projektleitung. Ok, das Management hat das Go! gegeben. Und wer setzt es nun um? 
  • Die Geschäftsführung (und der Parteivorstand) tendieren dazu, die Organisatoren der Workshops auszuzeichnen, nicht die, die entscheidende Impulse geben. Jedenfalls eine Zeit lang. 
  • Andererseits: Eine solche Arbeitsteilung ist sinnvoll (vgl. Thomas Edison), die Rollenbesetzung gehört aber in den Nachspann.
  • Hinweis: Wenn das Patent des Angestellten "in Serie geht", bekommt er zusätzlich zu dem Gehalt eine Erfindervergütung. Das ist Gesetz, wissen aber die wenigsten! (Wo das nicht der Fall ist: den Betriebsrat ansprechen.)
  • Alte Erfinderhasen wissen, wie man seine Patente in Serie bringt ;-)
  • Sei nicht stolz auf Deine erste Erfindungsmeldung und Dein erstes Patent. Sei stolz, wenn Dein erstes Patent in Serie geht. Dazu brauchst Du voraussichtlich zig  Erfindungsmeldungen.
  • Finanziere die Umsetzung Deiner Idee in konzentrischen Kreisen: Wärst Du bereit, eigenes Geld zu investieren (nur dann glaubst Du wirklich an sie)? Könntest Du Verwandte und Freunde überzeugen, mit Dir zu investieren? Gehe erst danach zum Chef oder zur Bank.
  • Businesspläne schreibt man vor allem für sich selbst. Wie man überhaupt nur schreibt, um sich selbst etwas klar zu machen. 

Resümee über Kreativität nach sechzehn Ingenieursjahren

Resümee aus meinen Ingenieursjahren in Konzernen und kleinen Organisationen:

  • Ja, ich habe mir angewöhnt, Erfindungs-und Verbesserungsideen schriftlich festzuhalten und einzureichen.
  • Ja, ich habe ein Skizzenbuch, in dem ich auch noch nach Jahren Werdegänge von Ideen verfolgen kann und immer wieder erstaunt feststelle, wie schnell "utopische" Annahmen von der Realität übertroffen werden.
  • Nein, meine besten Inspirationen hatte ich nicht in Brainstormingsitzungen, sondern wenn ich einen Mangel oder Bedarf entdeckte, den man durch Transformation von Erfahrenem oder Gelesenem bedienen könnte.
  • Ich hatte gleich mit der ersten Idee den größten Erfolg. Es hat mich ermutigt, Ideen nicht wegzuschmeißen, sondern zu entwickeln. 
  • Besser als eine Brainstorminggruppe ist das Gespräch mit einem oder zwei Gleichgesinnten, die aus unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen kommen. Ungefilterte Assoziationen kommen nur in vertrauenswürdiger Umgebung oder wenn klar ist, dass die Ideenurheber als solche anerkannt bleiben (d.h. wenn der Chef teilnimmt, der aber selbst als starker Filter wirkt).
  • Im trockenem Konzernumfeld fliegt mir mehr Inspiration zu als in einer aufgekratzten  "Kreativagentur" oder "Beratung". Eitle Konkurrenz stachelt nicht an, sondern törnt ab. Die Antwort auf die Frage liegt nicht darin, das Fragezeichen wegzuwischen.
  • Viele Manager, sogar solche, die Ideenwettbewerbe organisieren, dementieren es, selbst auch kreativ sein zu müssen. Als "unsere Kreativen" bezeichnen sie nämlich gerne die unteren Gehaltsbänder in der FuE.
  • Politiker verstehen nicht, dass Kreativität erst dann wirtschaftlich zündet, wenn sie zu Massenprodukten führt, die sich exportieren lassen. Sie halten eine "kreative" Dienstleisterszene aus Auftragsprogrammierern bereits für Erfolg.
  • Viele wahrhaft kreative Menschen unterschätzen ihre Ideen und trauen sich nicht, eine Erfindungsmeldung einzureichen. 
  • Bring Funktionenerfinder mit Technologieerfindern zusammen. 
  • Bring ITler mit Prozessorganisatoren zusammen. 
  • Bring Absolventen mit Seniorberatern zusammen.
  • Vorsicht: Der Ideenklau geht um. Ein Kollege reichte einen fremden Beratungsthemenvorschlag  als Beitrag zu einem Ideenwettbewerb ein. Und verlor ;-)
  • In der Wertschöpfungskette der Piraterie folgt nach dem Ideenklau der Kampf um die Projektleitung. Ok, das Management hat das Go! gegeben. Und wer setzt es nun um? 
  • Die Geschäftsführung (und der Parteivorstand) tendieren dazu, die Organisatoren der Workshops auszuzeichnen, nicht die, die entscheidende Impulse geben. Jedenfalls eine Zeit lang. 
  • Andererseits: Eine solche Arbeitsteilung ist sinnvoll (vgl. Thomas Edison), die Rollenbesetzung gehört aber in den Nachspann.
  • Hinweis: Wenn das Patent des Angestellten "in Serie geht", bekommt er zusätzlich zu dem Gehalt eine Erfindervergütung. Das ist Gesetz, wissen aber die wenigsten! (Wo das nicht der Fall ist: den Betriebsrat ansprechen.)
  • Alte Erfinderhasen wissen, wie man seine Patente in Serie bringt ;-)
  • Sei nicht stolz auf Deine erste Erfindungsmeldung und Dein erstes Patent. Sei stolz, wenn Dein erstes Patent in Serie geht. Dazu brauchst Du voraussichtlich zig  Erfindungsmeldungen.
  • Finanziere die Umsetzung Deiner Idee in konzentrischen Kreisen: Wärst Du bereit, eigenes Geld zu investieren (nur dann glaubst Du wirklich an sie)? Könntest Du Verwandte und Freunde überzeugen, mit Dir zu investieren? Gehe erst danach zum Chef oder zur Bank.
  • Businesspläne schreibt man vor allem für sich selbst. Wie man überhaupt nur schreibt, um sich selbst etwas klar zu machen. 

Montag, 23. April 2012

Nachtgedanken vor der Hannover Messe


Anfang 2010 suchten etliche Hersteller regenerativer Energieanlagen Patentingenieure oder Patentmanager. Ich hatte reichlich praktische Erfahrung im Thema Patente und 2009 auch ein Fernstudium in Patentrecht abgeschlossen und dachte: Boombranche, sinnvolle Produkte und mein Spezialthema - was will ich mehr? Also schrieb ich Bewerbungen. Und wurde eingeladen: Von Norderstedt über Berlin bis Frankfurt/Oder.

Aber irgendwie, irgendetwas passte mir immer nicht. Einmal war es die Unübersichtlichkeit durch die Übernahme in einen internationalen Konzern. Mal fand ich den Vorstand zu aufgekratzt. Mal war das Angebot schlechter als mein Stand. Ich verstand, nach näherem Hinsehen aber, warum die alle nun Patentingenieure suchten. Da war wirklich lange nichts, oder noch nie etwas getan worden. Womöglich zu lange. 

Den einen sagte ich ab, weil mir eine Fusion im Leben gereicht hat. Den anderen, weil sie unverschämt verhandelten. Den dritten sagte ich auf dem Weg zum zweiten Gespräch ab, weil mir plötzlich klar wurde: Ich will gar nicht.

Und heute, zwei Jahre später sind die einen insolvent und die anderen an der Börse abgestürzt. Ich bin heilfroh, es nicht gemacht zu haben. Einerseits.

Andererseits frage ich mich: Warum ist es in Deutschland eigentlich so riskant, in einer Hitechbranche zu arbeiten? Ich meine nicht das kapitalistische Risiko, dass man mal aufs falsche Pferd setzen kann, auch wenn die Richtung an sich stimmt. Und dass die Richtung regenerative Energie mal stimmen würde, glaubte ich schon als Student in den Neunzigern und "wusste" ich, seit Merkels "Energiewende" voriges Jahr. 

Aber auch andere Hitechbranchen: Nimm Nokia, Siemens, OPEL Gar nicht so unwahrscheinlich, aus- und weiterbildungs- und gefühlsmäßig voll auf Hitech zu setzen und doch später auf der Straße zu stehen. 

Die letzte Hoffnung der Regenerativen heißt ja Offshore Windparks. Aber wie man hört: heilloses Durcheinander von WKA-Herstellern, Netzbetreibern und Regulierungsbehörde. Nein danke. 

Samstag, 21. April 2012

Nur der BvB



Herzlichen Glückwunsch - Dortmund bleibt Meister - sehr schön!!
Was jetzt wohl zwischen Friedensplatz, Altem Markt und Ostwall los ist :-)

Ich freu mich aufs Pokalfinale gegen die Bayern..

Markt für Porsche Frontmotorwagen

Quelle: Mobile.de

Angebote in DE an Porsche Youngtimern mit vier Zylindermotoren (Frontmotor):

924 2.0l Sauger (125 PS): 52
924 2.0l Turbo (170-177 PS): 10

924S 2.5l (150-163 PS): 22 (z. Vgl. 2008: 30)

944 2.5l bis 3.0l: 163
davon: Turbo (220 PS): 35, S2 (211 PS): 64 (darunter Cabrio: 32)

968 3.0l (239 PS): 45
davon Cabrio: 10


Donnerstag, 19. April 2012

Die Geschichte eingebildeter Rechtsansprüche auf Lizenzeinnahmen

Handelsblatt Online, Sven Regener und Dieter Gorny echauffieren sich seit Tagen gegen einen eingebildeten Gegner, der ihnen ihre Eigentumsrechte streitig machen soll. Dahinter steckt: ein finanzielles Interesse. Innovationen wecken immer Begehrlichkeiten. Das ist normal. Aber jedes mal entstehen auch absonderliche Denkfiguren, die einige Jahrzehnte später nur noch lächerlich wirken. Nachlesen kann man sie bei Lawrence Lessig.

 Beispiele: Als die Gebrüder Wright, nach etlichen vorherigen Fehlschlägen anderer, endlich die Fliegerei sicher machten und damit popularisierten, kamen einige Großgrundbesitzer auf die Idee, Lizenzeinnahmen mit Überflugrechten generieren zu wollen. Begründung: Sie leiteten aus dem Besitz ihrer Flächen zusätzlich den Besitz der darüber befindlichen Luftsäulen ab. Das sei immer klar gewesen, so argumentierten sie ernsthaft vor Gericht. Durch kamen sie damit Gott sei Dank nicht.

 Und weiter: Als ein Gewisser Kodak den Papierfilm erfand, waren Fotofreunde nicht mehr die Dienste professioneller Fotogafen angewiesen die die Daguerreplattentechnik beherrschten. Und als dann immer mehr Menschen mit ihren Kodakkameras durch die Straßen liefen, darunter immer mehr Touristen, kamen etliche Stadtväter gleichzeitig auf die Idee, für das Fotografieren gewisser Sehenswürdigkeiten, Lizenzeinnahmen generieren zu können. Indem sie die Rechte am Fotomotiv reklamierten. Durch kamen sie damit nicht.

 Und heute? Als ein gewisser Steve Jobs, nach etlichen Fehlschlägen von Dieter Gorny, der Deutschen Telekom und anderen, die digitale Musik popularisierte, in dem er funktionierende Wertschöpfungsketten aus iPod und iTunes erfand, kamen die Gornys auf die Idee, doch noch Geld verdienen zu können. Indem sie Lizenzansprüche auf die Privatkopie erfanden. War es früher selbstverständlich, selbst entscheiden zu können, ob man die gekauften Single oder LP nur auf dem Plattenteller oder auch im Cassettenradio im Auto oder dem Walkman hören wollte, sollte hierfür jetzt jedes mal neu gezahlt werden. Einzig und allein aus dem Grund, dass es MÖGLICH wurde, das technisch zu kontrollieren.

 Ich hoffe, dass sie damit nicht durchkommen.

Robotcars kreuzen effizient - ohne Ampeln

Ampeln ohne Kontaktschaltung gehören zu den dümmsten und nervigsten Verkehrsregeleinrichtungen unserer Zeit. Entwickler träumen von Fahrzeug-zu-Ampel-Kommunikation, bei der die Ampel den Autos mitteilt, wann sie auf Rot springt. So kann jedes Auto ausrechnen, ob es die Grünphase noch schafft. Das wäre ein Fortschritt, aber mit aufwendigen Mitteln errungen.

Das folgende Video der Universität Texas in Austin zeigt eine Lösung, bei der die Sensorik und Rechenleistung der neuesten Fahrzeuggenerationen ("Robotcars") voll ausgereiztz wird: Es gibt keine Ampeln mehr. Jedes Fahrzeug rechnet individuell aus, wie es die Kreuzung ohne Kollisionen passiert. Ein Problem unterschlägt das Video allerdings: Wenn zwei Fahrzeuge gegeneinander regeln, kann da nur Mist rauskommen.


Untitled from Amanda Erickson on Vimeo.

Mittwoch, 18. April 2012

Was Manager aus dem Fall Gottschalk lernen sollten

Thomas Gottschalk selbst mag sich ärgern. Allen anderen dient er als Beleg für eine alte, aber selten beherzigte Weisheit der Talenteforschung: Es gibt für jeden Job eine beste Besetzung. Aber niemand kann alles gleich gut. Die Amerikaner nennen dieses Prinzip "Best person for the job".

Es besagt, dass Hocheleistung nur erbringen kann, wer da eingesetzt ist, wo er seine Talente voll einbringen und trainieren kann. Nur so macht es überhaupt Sinn, von "Talent" zu reden. Talent für was, muss man fragen. Es gibt keinen Top-Irgendwas, der per so top ist. Sondern nur, wenn die Aufgabe passt.

Gottschalk war ideal für Wetten dass.., aber nicht für die tägliche Vorabendquasselstunde. Auch von Anke Engelke wissen wir, dass sie was drauf hat - aber nicht in jedem Format. Das gilt auch für Harald Schmidt.

Und das gilt für uns alle. Auch in der Industrie und für ihre Berater gilt: Nehme die beste Person für den vakanten Job. Nimm nicht den, der gerade Zeit hat. Doch genau das ist inzwischen Usus in der Industrie, die Wolfgang Clement erfunden hat: Der Leiharbeit. Die gibt es -wenn wir ehrlich sind- ja auch für Akademiker. Man nennt sie hier nur anders, nämlich: Beratung. Oder Dienstleistung. Und hier machen die Leute alle naselang was anderes. Doch nur selten das, was sie am besten können. Der Leiharbeitgeber nennt das "Abwechslung". Er entwickelt seine Leute nicht, sondern utilisiert sie. In Stunden pro Jahr.

Aber nehmen wir den günstigen Fall: Jemand wird für das eingesetzt, was er am besten kann. Für Jahre. Als Festangesteller, nich Leiharbeiter. Was wird passieren? Er wird befördert. Nach dem Peter-Prinzip. Dieses herrliche Buch schenkte mir vor mehr als zehn Jahren ein lieber Kollege, als ich in die Beratung wechselte. Darin steht: Jeder wird solange befördert, bis er die höchst Stufe seiner Inkompetenz erreicht hat. Streng genommen müsste da also den Zustand der meisten Unternehmen beschreiben...

Muss das so sein? Um zu zeigen wie dämlich dieses Prinzip ist: Würde ein Verlag seinen Bestseller-Autor zu einem Verlagsmanager befördern? Ein Fussballverein seinen Stürmer zum Präsidenten? Eine Gallerie ihren besten Künstler zum Galleristen? Eine Plattenfirma Mark Knopfler zum Vertriebschef?

Sehen Sie.

Robotcars kreuzen effizient - ohne Ampeln

Ampeln ohne Kontaktschaltung gehören zu den dümmsten und nervigsten Verkehrsregeleinrichtungen unserer Zeit. Entwickler träumen von Fahrzeug-zu-Ampel-Kommunikation, bei der die Ampel den Autos mitteilt, wann sie auf Rot springt. So kann jedes Auto ausrechnen, ob es die Grünphase noch schafft. Das wäre ein Fortschritt, aber mit aufwendigen Mitteln errungen.

Das folgende Video der Universität Texas in Austin zeigt eine Lösung, bei der die Sensorik und Rechenleistung der neuesten Fahrzeuggenerationen ("Robotcars") voll ausgereiztz wird: Es gibt keine Ampeln mehr. Jedes Fahrzeug rechnet individuell aus, wie es die Kreuzung ohne Kollisionen passiert. Ein Problem unterschlägt das Video allerdings: Wenn zwei Fahrzeuge gegeneinander regeln, kann da nur Mist rauskommen.

Untitled from Amanda Erickson on Vimeo.

Dienstag, 10. April 2012

Traummargen: Wissenschaftsverlage verwerten öffentliches geistiges Eigentum

Sollten die Erkenntnisse und Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kostenlos zugänglich sein? Das meint die Open Access Bewegung schon lange. Sie stört sich an den dramatisch gestiegenen Kosten für Fachbücher und -magazine. Deren Inhalte erarbeiten Professoren und Doktoranden, sie sind also -überwiegend- öffentlich finanziert. Privat finanziert sind die Forschungen und Entwicklungen, die anschließend der Geheimhaltung oder Exklusivlizenzierung unterliegen.

Schon als das Hochschullehrerprivileg fiel, das Hochschullehrern bis dahin ihre Patente auf eigene Faust vermarkten ließ, war die Industrie irritiert: Wieso denn nochmal für das Nutzungsrecht von etwas zahlen, dessen Entwicklung sie bereits vorfinanziert hatte? Die Antwort war: Weil die Hochschule die Rahmenbedingungen und die Vorleistungen bereits finanziert hatte. Und weil Exklusivität extra kostet. Bei Patenten gilt allerdings, und zwar im Gegensatz zu sonstigem wissenschaftlichem "Content": Die darf jeder lesen, und zwar gratis. Und zwar in den kostenlosen Online Patentdatenbanken.

Bei den Fachbüchern liegt der Fall so: Weil sich der Markt für Fachbuchanbieter heute auf nur noch wenige Große (Elsevier, Sptinger, Wiley) konzentriert hat, sind die Preise entsprechend gestiegen. Meistens geht es bei 50 EUR erst los, 100 EUR zu überbieten ist keine Kunst. Fachmagazinabos kosten erheblich mehr.

Der Hochschullehrer wirkt hier als Autor und fasst in Worte, was öffentlich finanziert wurde. Gut so. Wir wünschen uns solche Verbreitungen von Wissen (Übrigens auch von den Geisteswissenschaftlern). Der Prof schreibt, der Verlag bringt es in Form, produziert und vertreibt. Arbeitsteilung.

Bei Fachmagazinen kommt noch etwas hinzu: Die Reviews, also die Redaktion, die Auswahl, machen ebenso die Wissenschaftler. Sie besorgen dem Verlag, bzw. dem Magazin die Reputation. Wer es in die hoch angesehenen Magazine schafft, hat es geschafft. Aber wieso dafür diejenigen noch mal zahlen lassen, die die Arbeit damit hatten?

Die Hochschulen, und mit ihnen manche Hochschulprofs, beginnen sich zu wehren. Die Universitätsbibliotheken ächzen unter den steigenden Beschaffungskosten für Werke, die sie, als Hochschule, selbst finanziert haben. In UK sind das 200 Mio Pfund p.a., 10% des Forschungsetat. Die Fachbuch- und -magazinverlage machen eine Marge von 35%, schreibt der Guardian.

In Cambridge ist im Januar der Mathematiker Tim Gowers voran gegangen, als er einen Blogbeitrag über Elsevier postete (Link), in dem er sich über deren Bundleangebote beklagte. Elsevier bietet seine Magazine nur noch als Bundleabo an, nicht mehr als Einzelthemen. Elsevier unterstützte bis dahin auch Proteste gegen die Open Access Bewegung und die Befürworter von SOPA, PIPA usw.

Ein Leser seines Blogs griff das Thema sofort auf und rief eine Unterschriftensammlung namens "The cost of knowledge" ins Leben, die sich gegen das Verhalten von Elsevier richtet (Link). Daraufhin ließ Elsevier seine Unterstützung von Openacess Gegnern fallen.

Quelle: The Guardian

Was "lernt" uns das?

1. Es wird Zeit, dieses Verlagsoligopol, das sich von Autoren und Lesern bezahlen und Autoren und Reviewern die Arbeit machen lässt, aufzubrechen. Man kann sie vermutlich sogar ersetzen durch Funktionen, die das Web 2.0 anbietet.
2. Die Verwertung öffentlicher Werke zugunsten privater Gewinne ist das unternehmerische Pendant zur unterstellten Raubkopie des Privatkonsumenten. Wo bleibt der Aufschrei z.B. des Handelsblatts?
3. Elsevier und Co. sollten vorsichtig sein. Wenn sie von ihren hohen Rössern nicht herunterkommen könnte es ihnen ergehen wie der Enzyklopedia Britannica.

Traummargen: Wissenschaftsverlage verwerten öffentliches geistiges Eigentum

Sollten die Erkenntnisse und Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kostenlos zugänglich sein? Das meint die Open Access Bewegung schon lange. Sie stört sich an den dramatisch gestiegenen Kosten für Fachbücher und -magazine. Deren Inhalte erarbeiten Professoren und Doktoranden, sie sind also -überwiegend- öffentlich finanziert. Privat finanziert sind die Forschungen und Entwicklungen, die anschließend der Geheimhaltung oder Exklusivlizenzierung unterliegen.

Schon als das Hochschullehrerprivileg fiel, das Hochschullehrern bis dahin ihre Patente auf eigene Faust vermarkten ließ, war die Industrie irritiert: Wieso denn nochmal für das Nutzungsrecht von etwas zahlen, dessen Entwicklung sie bereits vorfinanziert hatte? Die Antwort war: Weil die Hochschule die Rahmenbedingungen und die Vorleistungen bereits finanziert hatte. Und weil Exklusivität extra kostet. Bei Patenten gilt allerdings, und zwar im Gegensatz zu sonstigem wissenschaftlichem "Content": Die darf jeder lesen, und zwar gratis. Und zwar in den kostenlosen Online Patentdatenbanken.

Bei den Fachbüchern liegt der Fall so: Weil sich der Markt für Fachbuchanbieter heute auf nur noch wenige Große (Elsevier, Sptinger, Wiley) konzentriert hat, sind die Preise entsprechend gestiegen. Meistens geht es bei 50 EUR erst los, 100 EUR zu überbieten ist keine Kunst. Fachmagazinabos kosten erheblich mehr.

Der Hochschullehrer wirkt hier als Autor und fasst in Worte, was öffentlich finanziert wurde. Gut so. Wir wünschen uns solche Verbreitungen von Wissen (Übrigens auch von den Geisteswissenschaftlern). Der Prof schreibt, der Verlag bringt es in Form, produziert und vertreibt. Arbeitsteilung.

Bei Fachmagazinen kommt noch etwas hinzu: Die Reviews, also die Redaktion, die Auswahl, machen ebenso die Wissenschaftler. Sie besorgen dem Verlag, bzw. dem Magazin die Reputation. Wer es in die hoch angesehenen Magazine schafft, hat es geschafft. Aber wieso dafür diejenigen noch mal zahlen lassen, die die Arbeit damit hatten?

Die Hochschulen, und mit ihnen manche Hochschulprofs, beginnen sich zu wehren. Die Universitätsbibliotheken ächzen unter den steigenden Beschaffungskosten für Werke, die sie, als Hochschule, selbst finanziert haben. In UK sind das 200 Mio Pfund p.a., 10% des Forschungsetat. Die Fachbuch- und -magazinverlage machen eine Marge von 35%, schreibt der Guardian.

In Cambridge ist im Januar der Mathematiker Tim Gowers voran gegangen, als er einen Blogbeitrag über Elsevier postete (Link), in dem er sich über deren Bundleangebote beklagte. Elsevier bietet seine Magazine nur noch als Bundleabo an, nicht mehr als Einzelthemen. Elsevier unterstützte bis dahin auch Proteste gegen die Open Access Bewegung und die Befürworter von SOPA, PIPA usw.

Ein Leser seines Blogs griff das Thema sofort auf und rief eine Unterschriftensammlung namens "The cost of knowledge" ins Leben, die sich gegen das Verhalten von Elsevier richtet (Link). Daraufhin ließ Elsevier seine Unterstützung von Openacess Gegnern fallen.

Quelle: The Guardian

Was "lernt" uns das?

1. Es wird Zeit, dieses Verlagsoligopol, das sich von Autoren und Lesern bezahlen und Autoren und Reviewern die Arbeit machen lässt, aufzubrechen. Man kann sie vermutlich sogar ersetzen durch Funktionen, die das Web 2.0 anbietet.
2. Die Verwertung öffentlicher Werke zugunsten privater Gewinne ist das unternehmerische Pendant zur unterstellten Raubkopie des Privatkonsumenten. Wo bleibt der Aufschrei z.B. des Handelsblatts?
3. Elsevier und Co. sollten vorsichtig sein. Wenn sie von ihren hohen Rössern nicht herunterkommen könnte es ihnen ergehen wie der Enzyklopedia Britannica.

Montag, 9. April 2012

Simulation von Kontrolle - Oder: Wir sind das GE in der Pflegeaufsicht

In den vergangenen Wochen berichteten Medien wieder einmal über Misstände in Pflegeheimen (z.B. hier, hier oder hier). Georg Schramm tourt seit geraumer Zeit mit seinem Wachrüttelprogramm über deutsche Pflegeheim über die Lande. Ein psychologisches Problem bei Problemen mit der Pflege ist: Die pflegebedürftigen Bewohner können sich oft nicht selbst wehren. Oder wenn, wird ihr Verhalten als lästig und querulant ausgelegt und behandelt. Als Angehöriger traut man sich auch nicht so richtig, Krach zu schlagen. Schließlich haben sie Oma (oder Opa). Und wenn der Angehörige verstirbt, so wie in diesem Fall Ende November, fragt man sich nach der Trauer einen Moment lang, ob man es nun nicht auf sich beruhen lassen soll, für Oma kann man ja nichts mehr tun. Für unsere Oma nicht. Aber für alle, die noch da sind.

Von uns kommt deshalb jetzt auch ein Beitrag zur Pflegedebatte. Einer von mehreren, zu denen wir Anlass gehabt hätten. Aber erst als das Fass überlief, wurden wir aktiv gingen durch die Aufsichtsinstanzen und schrieben danach mit dem "Ergebnis" die Fraktionen im Stadtrat Gelsenkirchen an. Auslöser war der leere Kleiderschrank von Oma, die Wäsche funktionierte seit längerem nicht. Als wir den Rat bekamen, wir könnten Omas Unterwäsche doch aus dem großen Wäschesack einfach selbst rausfischen, musste ich an meine Bundeswehrzeit denken.

Zwei Fraktionen haben bisher reagiert. Wir sind gespannt, ob die übrigen das Thema im laufenden NRW Wahlkampf auch noch interessiert.

Post kam auch vom Forum zur Verbesserung der Situation Pflegebedürftiger e.V, (Link), das seit längerem über die Zustände in deutschen Pflegeheimen recherchiert und berichtet.

Ich dokumentiere hier den Brief an die Fraktionen. Klarnamen von Personen habe ich anonymisiert. Den des Pflegeheims nicht.

An die
Fraktionsvorsitzende/-en
der Fraktionen im Rat der Stadt Gelsenkirchen
Rathaus Buer
D- 45891 Gelsenkirchen


Berlin, 01.03.2012


„Würden Sie die Unterwäsche Ihrer Nachbarn anziehen?“


Nach einem Jahr kafkaesker Bemühungen in der Verbesserung der Pflege und Versorgung im städtischen Pflegeheim Haunerfeld-Heimaufsicht 50/3-Regierungsbezirk Münster, bei dem sich zwar die Verwaltungs“vorgänge“ gefüllt haben, aber die Missstände nicht beseitigt wurden, schreibe ich Ihnen diesen Brief, um folgende Initiativen in den politischen Raum einzubringen:

1. Neubesetzung der Pflegedienstleitung, der Hausleitung, Betriebsleitung und Geschäftsleitung des städtischen Pflegeheims Haunerfeld, wegen mangelnder fachlicher, sozialer und menschlicher Kompetenzen!

2. Kontrolle der Einhaltung des Pflegevertrages (§ 2.1.g) und Verbesserungen in allen Fragen zeitgemäßer Pflege nach der Pflegecharta in den städtischen Heimen - insbesondere für demente Bewohner - wie z.B. Pflege nach Kitwood, Snoozle Räume, Biografiearbeit, Austausch mit Kindergärten bzw. Tierbesuche u.Ä. Gerade unter dem Aspekt, dass sich die SP im oberen Preissegment von 81,47 E /Stufe 1 (2007: 62,79 E) der Gelsenkirchener Einrichtungen befinden (Vergleich: städt. Pflegebericht vom 01.01.2011).

3. Auflösung des Referats 50.3.1/Heimaufsicht und Dezernat 24.2 Bezirksregierung Münster. Da die Heimaufsicht zwar nach § 2 Abs.1 HeimG die „Stimme der Bewohner“ sein soll, im Moment in der Gelsenkirchener Realität aber nur eine „Simulation der Kontrolle“ stattfindet, fordere ich einen UNABHÄNGIGEN Beirat, z. B. aus Wohlfahrtsunternehmen, Angehörigenvertretern, Stadt Referat 30 und Kirchen, der die Prüfungen durchführt und mit entsprechenden Straf- und Kontrollvollmachten für die Heime ausgestattet wird.




- 2 -


Begründung:

Meine Großmutter war seit 2007 Bewohnerin des städtischen Pflegeheims Haunerfeld, Station Nordstern. Die ersten drei Jahre waren unkritisch, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Stationsschwester (Name bekannt). Nach Erweiterung der Leitungsebene 2010/11 (Pflegedienst/Betrieb) wurde der Bereich Wäscheversorgung und Pflege immer katastrophaler. Zwar war von Beginn an die Wäscheversorgung nachlässig, so dass meine Mutter (wie die meisten Angehörigen) immer wieder Bekleidung mitgewaschen hat, steigerte sich aber zuletzt so, dass gar keine Kleidung mehr im Schrank vorrätig war (siehe Foto), Rücklauf der Wäscherei bis zu 6 Wochen dauerte, Bewohner-bekleidung (Reinigung) wochenlang in Säcken im Keller/Bad aufbewahrt wurden, meiner Mutter „bekotete“ Wäsche im Sack zum Waschen hingestellt wurde und der Höhepunkt des Ganzen, meiner Großmutter Nacht-/Unterwäsche der Nachbarin angezogen wurde, weil ihre „unterwegs“ war.

Im April sah ich mich gezwungen die Heimaufsicht der Stadt Gelsenkirchen zu alarmieren. Die vorherige persönliche Ansprache der Pflegedienst- bzw. Heimleitung (GF mir persönlich bekannt) erwies sich wegen Realitätsverweigerung als zwecklos.(O-Ton Frau (Name bekannt): “Das kann nicht sein.“ GF/Email vom 3.2.2011: “die Wäscheversorgung ist seit jeher ein Problem. Keine Großwäscherei ist in der Lage, die Wäsche ohne Beanstandung zeitgenau zu liefern.“)
Nachdem die Heimaufsicht die Missstände ausdrücklich bestätigt hatte (Prüfungsbericht: Anlage 1), eine „Verwaltungsgebühr“ von 81,25 E gegen das Heim (siehe Vermerk 08.05.2011) verhängt und „Empfehlungen“ zur Besserung der Situation gegeben hatte - geschah: NICHTS.

Am 12. Juli 2011 alarmierte ich per Email die aufsichtführende Fachbehörde der Heimaufsicht, die Bezirksregierung Münster (Dez. 24.2/ (Name bekannt)) über den Prüfungsbericht und die Untätigkeit der Heimaufsicht. Diese versprach die Umsetzung der „Empfehlungen“ der Heimaufsicht zu überprüfen. (Email: Anlage 2)
Man ahnt es schon - nach einer leichten Korrektur über den Sommer, verschlimmerte sich die Situation im November im Bereich Wäscheversorgung wieder so unerträglich, so dass ich bei der Bezirksregierung Münster nach den ausstehenden Überprüfungsergebnissen nachfragte. Dort erklärte man mir, es hätte eine „Nachschau“ im September durch die Heimaufsicht gegeben und es sei alles erledigt. Bei „erneuten“ Beschwerden sollte ich mich wiederum an die örtliche Pflegedienstleitung bzw. Betriebsleitung wenden. (Email: Anlage 3)

Nach Beantragung der Akteneinsicht nach IFG NRW bei der Heimaufsicht Gelsenkirchen und Dienstaufsichtsbeschwerde und Akteneinsicht Bezirksregierung Münster, konnte ich nachlesen, dass die Heimaufsicht/(Name bekannt) (50.3.1) zwar bei Ihrer Nachschau (Bericht: Anlage 4) die gleichen Mängel bzgl. Wäsche („überschaubar“/“keine Handtücher“) wie bei der ersten Prüfung feststellte. Statt diese Missstände aber endlich beseitigen zu lassen, konzentrierte sich Frau (Name bekannt) mit der Pflegedienstleistung darauf „Vorschläge“ für die Angehörigen zu beratschlagen: Besorgung von Bekleidung (siehe Auflistung Wäschebestand) Besuch eines Neurologen (siehe Kopie: Diagnose Demenz lag durch die Hausärztin vor- allerdings ohne Ruhigstellung durch Tabletten) und Bestellung eines amtlichen (sic!) Betreuers (Generalvollmacht durch mich lag vor).


- 3 -

Ich schreibe Ihnen, um zu dokumentieren, dass sich zukünftig die Kontrollgremien nicht damit ausreden können
1. Kritik an den städtischen Pflegeeinrichtungen wären „Einzelfälle“, die Angehörige sind „Querulanten“ oder „man hätte von nichts gewusst“ und
2. „es hätte keine Interessenskollisionen zum Nachteil von Pflegebedürftigen gegeben“ ( Brief MGEPA Dr. Kassen: Anlage 5). Es hat in unserem Fall lediglich eine Simulation von Kontrolle stattgefunden, die, durch das unselige „Berichtswesen“ innerhalb der Verwaltungsebenen, zu einer kollektiven Verantwortungslosigkeit führt - auf Kosten aller Heimbewohner in Gelsenkirchen.

Bei Rückfragen stehe ich gerne unter 030... zur Verfügung.

mit Grüßen aus Berlin,

(Die Enkelin)

Freitag, 6. April 2012

Replik auf Handelsblattkampagne "Mein Kopf gehört mir"

The creative process is a process of paying lawyers.
Lawrence Lessig

Das Handelsblatt versucht heute, was schon Dieter Gorny vor Jahren missglückt ist: Eigenes Unvermögen in einen Angriff auf ihre Kunden umzuwandeln. Sie nennt es "Mein Kopf gehört mir" und leitet wie folgt ein:

Denker, Tüftler und Dichter fordern im Handelsblatt: Auch künftig muss, wer immaterielle Werte schafft, entlohnt werden. Eine Gesellschaft, die ihre Kreativen vernachlässigt, beraubt sich der Zukunft.

Fast ein Jahrzehnt nachdem der New Yorker Juraprofessor und Miterfinder des Creative Commons Lizenzmodells Lawrence Lessig unsere Denkfiguren von Schutzrechten ins digitale Zeitalter transformiert hat, kommt dieser Diskurs endlich auch in Deutschland an. Die Protagonisten der alten Welt meinen aber, keine Antworten sondern vor allem Anklagen liefern zu müssen. Sie meinen hier sicherlich, wie vor kurzem Sven Regener, allen voran die Piraten und ihre Wähler. Verstanden haben sie aber offenbar wenig. Niemand will den Kreativen etwas wegnehmen.

Die Piraten positionieren sich auf ihrer Website wie folgt (Zitate):
Die Fähigkeit zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft hängt heute in immer größerem Maße vom erworbenen Wissen und Können ab. Aus diesem Grunde muss allen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, diese Fähigkeiten zu erwerben. Erforderlich hierfür ist ein freier Zugang zu hochwertiger Bildung für alle Menschen. Alle finanziellen und rechtlichen Beschränkungen, die den Zugang zum Wissen verhindern oder erschweren, müssen überprüft und – soweit möglich – abgebaut werden.
Quelle: http://www.piratenpartei.de/politik/wissensgesellschaft/

Dies zielt auf freien Zugang zu Bildung und Wissen. "Frei" ist im Deutschen ja leider doppeldeutig: Meinen sie "kostenlos" oder "unbehindert"? Sie meinen beides, das steht da explizit. Hier ist noch nicht von Urheberrechten die Rede. Könnte sie aber einführen, z.B. indem man die horrend hohen Preise für Fachbücher thematisiert, die Verlage für einen Content verlangen, der mit Steuermitteln finanziert worden ist: die Forschungserkenntnisse deutscher Hochschulen.

Ihre Positionen zum Urheberrecht formulieren die Piraten so:
Ablehnung des Verbots der Privatkopie und der damit einhergehenden technischen Kopierschutztechniken (Digitales Rechtemanagement".
Begründung: Künstliche Verknappung, Kontrolle des Benutzers.
Zitat:
Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen der meisten Urheber entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert.
Dem stimme ich zu, solange mit "privat" nicht die ungebremste Weitergabe auch an Freunde und Bekannte gemeint ist: Ich erwerbe mit dem Kauf eines digitalen Musikstückes das Recht, dieses beliebig oft zu hören. Ein Teil des Preises deckt auch die Aufnahmekosten (Studio), Produktions- und Vertriebskosten. Für die Privatkopie, d.h. der Kopie fürs Auto, den iPod, die Hifianlage, entstehen dem Anbieter keine Produktions- und Vertriebskosten. Was früher möglich war, z.B. eine Single fürs Autoradio auf eine Cassette zu kopieren, muss auch mit MP3 möglich bleiben. Apple hat dies inzwischen auch eingesehen und die Limitierung für die Privatkopien im iTunes aufgehoben. Ich selbst habe eigentlich noch nie einen Kopienraub begangen, wohl aber schon x Stücke inzwischen dreimal erworben: als Vinyl, CD und MP3.

Das gleiche muss für elektronische Bücher und Zeitungen gelten. Was verboten bleiben muss, weil es dem Urheber Umsatz wegnehmen würde, ist die gewerbsmäßige Kopie zum Weiterverkauf. Nur das sind Raubkopien. Gerade die Zeitungsverlage leiden aber unter einer Kostenloskultur, die sie selbst geschaffen haben. Sie beklagen also im wesentlichen, wie früher Dieter Gorny, eigenes Unvermögen, aus den neuen Möglichkeiten ein Geschäft zu machen.

Bei Filmen hat sich das digitale Angebot auch schon an die Unterschiede und Möglichkeiten angepasst: Ich sehe Filme nur einmal, besonders gute auch ein paar mal mehr. Aber weitaus weniger als ich Musikstücke höre. Deshalb unterscheidet iTunes Angebote zwischen Kauf (beliebig oft schauen) und Ausleihe (1x schauen).

Was die digitalen Verlage uns noch schuldig sind, ist der Weiterverkauf gebrauchter Werke. Ich räume die besondere Schwierigkeit ein, weil sich ein gebrauchtes MP3 in seiner Qualität nicht von einem neuen unterscheidet. Außerdem müsste man sicherstellen, dass das Werk nach meinem Weiterverkauf von meinem Rechner auch gelöscht wird. Und natürlich auch alle Privatkopien... Schwierig, wenn nicht unmöglich.

Die Piraten erkennen die Rechte des Urhebers ausdrücklich an. Sie weisen aber völlig zu recht darauf hin, dass jedes kreative Werk als Input selbst auf vorherige Werke zurückgegriffen hat. Der kreative Prozess, das Werk, ist ohne kreativen Input so gut wie un-möglich. Man denke nur an Disneys Verarbeitungen von Grimms Märchen zu eigenen Filmen (z.B. Schneewittchen zu Cinderella). Übrigens flogen ausgerechnet die Kopierer hartnäckig verfolgende US-Filmindustrie nur deshalb an der Westküste, weil die Patentinhaber für Film- und Studiotechnik wie z.B. ein gewisser Thomas Alva Edison an der Ostküste saßen. Die Gründer von Hollywood waren durch die Bank Patentverletzer. Die Kritiker der Elche... Fachbücher führen im Anhang ein Literaturverzeichnis, eine Liste von Werken, die sie inspiriert hat und die sie zitieren. Neue Musikstile entwickeln sich ebenfalls durch Zitate, Anlehnungen und Inspirationen.

Das Patentwesen ist by the way ähnlich gestrickt wie der kreative Prozess des Künstlers: Wer ein Patent anmeldet muss erklären, welche Aufgabe er löst und wie diese früher gelöst wurde (Patentzitate). Und worin die Verbesserung der eigenen Erfindung liegt.

Die Piraten reagieren mit ihren Positionen auch auf die unangemessenen Verhaltensweisen von Verlagen gegen -meist minderjährige- Ersteller von Privatkopien. Die drakonischen Strafen der Vergangenheit waren umso ungerechter, weil die Kläger eigene legale Angebote, die die Vorteile der digitalen Möglichkeiten unterstützt hätten, lange schuldig blieben. Allen voran in Deutschland. Erst Apple hat daraus ein funktionierendes Geschäft gemacht. 1 Song für 1 Euro. Zu analogen Zeiten zahlten wir 5DM für eine Single.

Was die Piratenkritiker auch verkennen ist der Unterschied zwischen einem Download und einem Stream: Wenn ich bei YouTube ein Video schaue ist das für mich als Konsumenten wie Fernsehen. Ich erzeuge keine Kopie auf meinem Rechner. Es hat eher einen Werbeeffekt, der mich evtl. zum Kauf des Videos oder den Song anregt.

Vor allem noch unbekannte Bands oder Autoren/Blogger nutzen das Internet, um bekannt zu werden und sich einen Ruf aufzubauen. Der Aufstieg beginnt immer bei Null. Am Anfang steckt man nur rein, spielt auf der Straße, liest in einem Autorenworkshop etc. Erst später, wenn man gut ist, kann man Einnahmen erzielen.
Das ist auch die Motivation vieler Open Source Programmierer: Anfänger leisten etwas für die Codebibliotheken und machen sich sukzessive einen Namen. Wer andere überzeugt, verbessert seinen Marktwert. Und: Wer für eine Community arbeitet bekommt das Recht, auch deren Werke zu benutzen.

Wer sich also auf den Standpunkt stellt, die Piraten wollen alle geistigen Eigentümer enteignen hat das Programm nicht gelesen oder die feinen Unterschiede zwischen heute und früher nicht erkannt. Das Handelsblatt und ihre besorgten Köpfe beantworten Fragen, die keiner gestellt hat. Die Piraten wollen niemanden enteignen.

Die Nichtanerkennung des geistigen Eigentums ist keine linke Position, sondern eine libertäre, wie die Lektüre der Website "Eigentümlich Frei" beweist.

Die Sozialdemokraten sollten beides unterstützen: Das Urheberrecht. Und das Recht auf die kostenlose Privatkopie.