Sonntag, 3. November 2013

"Unvermögen vor dem Tor" - Ein Besuch im Olympiastadion

Ja ja, die Doppeldeutigkeit in der Überschrift hat sich hoffentlich vermittelt. Wenn Schalke oder Dortmund ins Olympiastadion kommen, gehen wir hin. Das ist schließlich der Zweck des Wiederaufstiegs von Hertha BSC.

Und natürlich fahren wir mit der S-Bahn hin. Es geht alles normal, wir denken: weil wir ziemlich spät dran sind und die meisten schon längst im Stadion sind. Als wir ankommen, werden wir mit der natürlichen Begabung der Berliner Verwaltung für Organisationsaufgaben konfrontiert. Das halbe Stadion steht noch vor den Toren. Der Grund: Die Ordner haben quer zur Eingangsrichtung die Taschenkontrolle stationiert. Und die hier kontrollieren sind nicht die Hellsten unter den Blauen. Ist man da durch, steht man sich für die nächste Kontrolle (Kartenscan) gegenseitig im Weg.

Aber die Wartezeit wird uns von einem hackenstrammen Schalker Fan verkürzt. Er liegt auf dem Boden und schreit rum. Als die Sanis anrücken schreit er noch lauter nach einem Arzt. Zuerst dachte ich: Ein Replay von Otto Sanders Schlüsselszene ("Not in the condition to f...")?. Nein, ein ganz normaler Spieltag in Berlin. Offene Therapie ist hier genau so normal wie offener Vollzug.

Als wir endlich drin sind, läuft das Spiel schon. Trotzdem wollen wir unsere traditionelle Stadionwurst und 'n Bier.

Versuch am ersten Stand: "Bratwurst ist aus. Ham nur noch Currywurst."

Versuch am zweiten Stand: "Ja gut, dauert aber 7 Minuten." - "Ok, dann geben Se schon mal n Bier." - "Gibts nicht hier, gibts da drüben." Sie zeigt auf einen Bierstand, der gefühlt im gegenüberliegenden Strafraum liegt..

Irgendwann sind wir mit allem versorgt. Dass die Suche nach einer Toilette am Marathontor vorbei führt, lass ich jetzt mal weg.

Endlich geht es auf die Gegentribüne. Ich hatte extra Tickets am Rand des Blocks gekauft, so dass wir ruhig später kommen und ggf. eher gehen können. Doch auch hier weit gefehlt. Der Zugang von der Seite, an der unsere Plätze liegen, ist versperrt, weil der Ordner schon Feierabend und zu gemacht hat. Also ab zur anderen Seite und von dort durchquetschen.

Kaum sitzen wir fällt das 0-1 für Schalke. Yeaahh!

Spielerisch muss man weder Hertha noch Schalke groß erwähnen. Es ist ein Hin- und Hergekicke im Mittelfeld. Ein gegenseitiges Auflauern auf des Gegners Unvermögen vor dem Tor. Aber darauf ist Verlass an diesem Novembernachmittag. Schön ist das nicht.

Dann sehen wir auf der Anzeige, dass Hoffenheim gegen die Bayern führt. Yeaahh! Wenigstens etwas. Jetzt könnten sie abpfeifen.

In der Pause macht sich unser Schalker Banknachbar auf zum Bierstand. Mit traurigem Gesicht kommt er zurück: "Bier ist alle."

Liebe Schalker, nicht nur hier meint man manchmal, dass die Mauer noch steht und man selbst auf der falschen Seite. In diesem Moment schiesst Max Meyer den Ball über die Berliner Mauer an die Latte.

Die Stimmung im Stadion ist so, dass man meint bei einem Heimspiel von Schalke zu sein. Gesänge, Trommel, die Schalker machen hier die Musik. Nur als der vierte Offizielle 4 Minuten Nachspielzeit anzeigt, kommt Unmut auf. Doch die Schalker geben die richtige Antwort. In der 94. macht Julian D. alles klar. Jubel!

Auf dem Rückweg sind alle Bierstände von Schalkern belagert. Da stelle ich mich nicht an, um meine 4 EURO Pfand zurück zu kriegen. Da sehe ich von weitem eine junge Frau unter einem Schild "Pfandrückgabe". Doch noch praktisch veranlagt die Berliner, denke ich noch so bei mir. Beim Näherkommen sehe ich, dass sie permanent den Kopf schüttelt. "Ich nehme nichts mehr an, mein Geld ist alle."

Gut, ich nehme den Bembel mit nach Hause. Die S-Bahn ist voller Holländischer Schalkefans. Glauben jedenfalls ein paar Berliner, die die laut fragen, wo denn dieses "Vlaanderen" liegt, das auf auf den Kapuzenpullis der Schalker steht.. Ein kurzes Gespräch, das mit lautem Gelächter endet, klärt die Sache auf.

"Wie auch immer," ruft der Berliner, "wir Berliner freuen uns über Euren Besuch und dass Ihr hier Geld ausgebt. Wir haben es nämlich nicht so dicke, brauchen jede Hilfe und können uns keine so guten Spieler leisten." Antwort der Schalker: "Das ham wa gesehen!" Gelächter.

Mit drei Punkten im Gepäck lächelt man alles weg, ist ja klar. Trotzdem, ich komme erst wieder -wenn ich da Tickets ergattern kann- wenn die Dortmunder kommen. Am letzten Spieltag.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

"Hosted in Germany" - die neue Bankenwerbung?

Das IT-Outsourcing, also die Auslagerung der Informationstechnik und -daten eines Unternehmens an ein spezialisiertes -und in der Regel amerikanisches- Unternehmen ist seit mindestens 10 Jahren die Königsdisziplin bei den großen IT-Unternehmen. IBM (Michael Diener, Rudi Bauer, man erinnert sich.. und erschreckt sich: liefert IBM nicht auch Server..?), EDS, Accenture und wie sie alle heißen umwarben und umwerben die IT-Chefs und locken mit der Übernahme lästiger Routineaufgaben in Betrieb und Wartung und des Personals sowieso.

Banken, Netzbetreiber, Versicherungen, die staatlichen Sozialversicherungen usw. sie alle sollten ihre Kundendaten herausrücken und auf fremde Server verlagern.

Die Outsourcingunternehmen würden die "Prozesse" soweit straffen und Mengeneffekte nutzen, so dass der Betrieb von IT deutlich billiger werden müsste. Worin sonst stecken die laufenden Kosten einer Girokonto- oder Depotführung oder der monatlichen Telefonrechnung wenn nicht in der Ausführung von Rechenprozessen? Vierzig Prozent der laufenden Kosten gingen bei der Telekom vor zehn Jahren in die Erstellung monatlicher Telefonabrechnungen. So kamen die Anbieter irgendwann auf die Idee von Flatrates..  Die restlichen Kosten gingen für Strom und Personal.

Hat der IT-Dienstleister genügend Outsourcingverträge hereingeholt, beginnt er sogleich die Suche nach Kosteneinsparungen. Müssen die Rechenzentren, in denen die Girokonten von Privatkunden geführt werden, in Frankfurter Premiumlage liegen? Warum nicht "nach Kräften" in billige Länder auslagern? Und dort alle Abläufe standardisieren? Datenschutz? Pah, das sind Luxussorgen ("Auf den internationalen Kapitalmärkten... blah bläh bläh.").

Aktien großer IT-Dienstleister würde ich jetzt verkaufen. Denn mit ziemlicher Sicherheit werden Banken bald berichten müssen, bei wem und wo sie ihre Daten lagern. So schätze ich jedenfalls die gelernte Journalistin und heutige EU-Justizkommissarin Reding ein. Und dann werden sie einiges zurück holen und mit "Hosted in Germany" oder so ähnlich Werbung machen.

Gut, das macht die Konten vor dem NSA auch nicht sicher. Auch, weil Steinbrück den Zugriff des Staates so wie so eingerichtet hat und Schäuble und die EU bereit sind, diese Daten an die Briten und Amerikaner weiterzureichen.

Aber wenigstens der Gerichtsstandort wäre dann Deutschland.

Facebooknutzerin Lieschen Müller oder diese Domscheits und andere Piraten mögen sich nun aufgewertet fühlen, wenn sie sich "gruselig" vorstellen, wie Schlapphüte ihre Postings durchforsten. Doch für die ist das nur Zeitverschwendung. Die Cloud gibt es schon lange, nur halt nicht für Privatbenutzer und um von dort Musik herunter zu strömen.

Nein, es geht um Finanz- und Knowhowströme. Und sicher auch um Terrorabwehr. Übrigens glaube ich die Mär nicht mehr, man wisse nicht, was passiere, wenn man aufhöre Banken zu retten. Die Informationen über die Verflechtungen der Weltfinanzwirtschaft liegen sicherlich vor. Smiley.

Dienstag, 29. Oktober 2013

Tue Gutes - aber lass Dich dafür bezahlen - Die ARD Fernsehlotterie zieht Konsequenzen

Jahrzehntelang glaubte ich, bzw. nahm stillschweigen an, es beschäftigte mich eigentlich nicht, dass die Prominenz, die für Fernsehlotterien wirbt, dies pro bono tut. Dass sie hier etwas spendet, was sie von der Fernsehgemeinde zuvor aufgenommen hatte: Vertrauen.

Wenn ein Thomas Gottschalk, ein Jörg Pa... Pilava oder eine Monica Lierhaus für die Aktion Mensch warben, dachte ich Größe zu schauen.

Bis zu dem Moment, in dem die Diskussion um das Honorar für Monica Lierhaus losbrach. Erinnern Sie sich: Nein, es waren nicht 45.000 EUR pro Jahr, sondern 450.000!

Begründet wurde dies mit der Prominenz, Bekanntheit, dem Vertrauensvorschuss seitens der Zielgruppen. Übergangen wird dabei, dass wir es sind, die diesen Leuten dieses Vertrauen geben. Und zu den Gründen, warum wir dies tun, gehört die Annahme, dass diese auch mal etwas für einen guten Zweck spenden. So wie der eine oder andere von uns auch, jedenfalls soll uns das "Vorbild" ja anregen.

Dafür bezahlen lässt sich in der Tat auch nur diese Generation von GEZ-Empfängern. Einem Wim Thoelke wäre das sicher zu blöd gewesen.

Die ARD hat jetzt beschlossen, Konsequenzen zu ziehen. Von 2014 an verzichtet sie auf den Prominentenbonus und will Betroffene als Werber einsetzen. Man darf gespannt sein, ob diese dann auch etwas dafür bekommen.



Samstag, 26. Oktober 2013

"Aufklärerisch wäre es, unsere Natur wieder zu akzeptieren"

Wir kommen mit der Aufklärung erst weiter, wenn wir uns (wieder) unsere Natur eingestehen und nicht weiter versuchen, die Vernunft von der Natur weiter zu entfernen. Mit diesen Worten hat der Berliner Religionsphilosoph im philosophischen Radio im WDR die richtige Antwort auf den grünen Zeitgeist gegeben. Einen Zeitgeist, der begonnen hat, Biologie für ein "soziales Konstrukt" zu halten.

Mit Natur ist hier das in uns angelegte gemeint, die Natur, die zur Freude, zum Rausch, zur Befriedigung führt. Nicht die Natur, die die Tempolimit- und Rauchverbotsfreunde "schützen" wollen.

Intelligent Design vs. Sozialkonstrukte
Über George W. lachen und sich selbst für aufgeklärt halten, weil er dem "intelligent Design" anhängt. Und dann Geschlechter zu Konstrukten erklären. Die Natur da draußen auf den Sockel heben, aber die eigene Natur wie etwas fremdes, aufgezwungenes abstreifen wollen. Die Probleme mit dem eigenen Selbst, dem stockenden Heranreifen, der tiefen Verzweiflung über die Einsamkeit, die Beziehungsunfähigkeit, diese Verunsicherung -wenn nicht Depression- zu einem Lifestyle erheben und massenhaft über die Gesellschaft kippen und zu deren Angelegenheit machen, und zu behaupten, das sei Aufklärung, genau das ist Berlin.

"Leugner" spricht die Inquisition
Man soll anders Denkende ja nicht als Leugner bezeichnen. Es leugnet nicht der, der nach Beweisen verlangt. Es leugnet der, der die Beweise übergeht, ignoriert, verbietet oder behauptet, sie träfen nicht zu. Der Begriff "Holocaust-Leugner" ist eine zutreffende Bezeichnung, denn den Holocaust gab es. Wie praktisch, dass das Publikum fortan alles was "geleugnet" wird, als dem Holocaust vergleichbar bewertet. So wie nach dem Neonazi alles niedergemacht werden kann, indem man es mit dem Attribut "Neo-" belegt.

Der Begriff "Klima-Leugner" ist eine inquisitorische Anmaßung, denn von ihm wird nicht Gewesenes in Zweifel gezogen, sondern Belege oder Beweise für eine Prognose oder Behauptung verlangt. Wenn ich sage, ich glaube dem Wetterbericht nicht mehr, weil er in der Vergangenheit immer seltener gestimmt hat, handle ich vernünftig. Wenn ich sage, ich glaube der Klimaprognose nicht, werde ich als "Leugner" tituliert. So als lästerte ich den neuen Klimagöttern, anstatt mich bei den Klimagläubigen einzureihen.

Selbstverantwortung ist das neue "Rechts"
Umgekehrt, wenn ich vor der Eurokrise warne, gelte ich als "rechts". Wobei man sich nicht mal mehr die Mühe macht zu erklären, was daran denn verwerflich sei. Das Publikum soll den Umkehrschluss ziehen: "Rechts" ist die Bezeichnung für Leute mit abweichenden Meinungen und Handlungen. Die Abweichung liegt in diesem Fall darin, dass ich meinem Interesse an meiner Existenz, Wohlergehen Vorrang einräume gegenüber einem Problem am Ende der Welt. Das Bescheidwissen (bzw. rezitieren können) über alle dortigen Probleme, diese im Internet angelesene Vielwisserei gilt heute als Aufklärung. Worüber man jede Woche "aufgeklärt" wird, überlässt man den Nach-richten-portalen.

Also, wer die Behauptung der Linken anzweifelt, ist ein Leugner. Linke, die Evidenzen abstreiten (wie z. B. das Geschlecht), sind keine Leugner, sondern erweitern -aus ihrer Sicht- die Aufklärung.  Aufklärung vollzieht sich, indem man naturwissenschaftliche Befunde wieder zu Konstrukten ("Designs") erklärt. In Wahrheit ist es eine Form der Selbstverleugnung, die zu einem Kollektivverhalten ausgebaut werden soll.

Wenn Klaus Heinrich sagt, die Aufklärung stocke, weil wir unter einem Bann stehen, dann halte ich das noch für optimistisch. Ich habe vielmehr seit längerem den Eindruck, dass wir zurücktreiben. Den Umkehrpunkt, hinter dem wir zu Rede- und Denkverboten zurückkehrten, war uns noch bewusst. (Vgl. z. B. die vor kurzem im Internet herumgereichte Episode aus dem "Lehrer Dr. Specht", in dem dieser im ZDF ganz unverblümt über die Politische Korrektheit aufklären durfte. Das ist heute nicht mehr denkbar.)

Die politische Korrektheit wurde nach meiner Erinnerung von den Clintons in die Welt gesetzt. Vorgeblich um Minderheiten vor der Verletzung mit Worten zu schützen ("gewaltfreie Kommunikation"). Inzwischen missbrauchen viele der so Geschützten ihre Immunität für ganz reale Gewalt auf der Straße. Wir sollen Toleranz gegen Intolerante üben. Auch das ist eine Form der Selbstverleugnung.

Die Gattung Mensch folgt der Entwicklung des Menschen
Heinrich verweist auf Freud, um diese Selbstverleugnung als pubertäre Erscheinung auslegen zu können. Freud hatte den Schock über die Gewalt des ersten Weltkrieges zu der Erkenntnis verarbeitet, dass das wesentliche an unserem Zeitalter die Rivalität, das Nichtaushaltenkönnen der Unsicherheit, ob der andere stärker ist als ich/wir gedeutet. Er sah uns in der Menschheitsgeschichte deshalb in der "phallischen Phase", die sich im friedlichsten Fall als Revier- und Weitwinkeln pubertierender Jünglinge äußere und im schlimmsten Fall in der Vernichtung des Anderen, um sich der eigenen  Überlegenheit ein für alle mal sicher sein zu können. Es ist klar, dass die in den Anderen projizierten Feindbilder und Beschuldigungen natürlich Spiegelbilder der eigenen Seele sind. Das Eigene wird im Anderen bekämpft.

Der nächste Schritt folge also aus der Erkenntnis, dass es im Leben keinen Sinn zu suchen gebe außer dem, es zu genießen.

Hier kann man einen der Autoren einrühren, von dem die Tische in den Buchläden derzeit voll sind: Albert Camus. Das Leben vom Tode her denken macht frei. Dazu muss aber zuvor der Schock der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit überwunden werden. Es ist also ein Zeichen von Unreife, um jetzt den Schluss aus Heinrich und Camus zu ziehen, die Vernunft oder das Ego über den Tode siegen lassen zu wollen. Nein, der Anblick des Endes am Ende der Strecke macht frei. Die Erkenntnis der Knappheit des eigenen Lebens gibt ihm Wert. Wer den Tod besiegen will, entwertet es wieder und outet sich als kindisch.

Diese Freiheit wirft mich voller Wohligkeit und Entlastung auf mich selbst zurück. Nicht die Probleme der anderen sind mein Lebenssinn. Sondern der Genuss meines eigenen. Natürlich gehört dazu auch Empathie für alle, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Aber nicht die, bei denen ich nicht weiß, ob sie sich umgekehrt so für mich entschieden so wie ich mich für sie entscheiden soll.

Im übrigen sind Menschen, die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, die friedlichsten. Den Terror bringen die in die Welt, die von anderen permanent Dementis einer Gewaltbereitschaft  einfordern, die doch nur ein Spiegel ihrer selbst ist. Und die auch als Beleg für die eigene Existenz dienen. Ich unterstelle, also bin ich.

Sonntag, 20. Oktober 2013

"Glaubenssätze durch Wissenssysteme ersetzt" - das soziale Netz macht einsam

Erinnern Sie sich an Zeiten, in denen Mütter mit ihren Töchtern verwechselt werden wollten und es toll fanden, wenn es klappte? Seit der Zeit nabeln sich Heranwachsende nicht mehr von ihren Eltern ab, sondern begründen eine gegenseitige Nutzenbeziehung: Solange die Kinder im Haus sind, fühlen sich die Eltern nicht alt. Und die Kinder sparen die Miete immer noch, wenn sie ihren 30. feiern..

Seitdem gibt man sich zur Begrüßung nicht mehr nur die Hand. Man umarmt sich, als sei man gerade aus dem Krieg heimgekehrt. Hat man in Paris gesehen, wirkte irgendwie intensiv. Wichtig: Bei der Umarmung gesehen werden. Ist man nur zu zweit, umarmt man sich nicht. Wozu? Niemand da, um zu demonstrieren, wie dicke man ist (oder gerne wäre).

So, und das werden Sie bald auch im Büro beobachten. Nach dem Zahlenfetischismus, dem "Empowerment" der Basis (dem Sich-selbst-überlassen der Nichtleitenden, weil die Leitenden Zahlen drehen und die nächste Einsparung rechnen müssen) und ungenierten Griffen ins Bonussystem kommen jetzt die emotionalen Berater.

Aus der Werbung kennen Sie das schon: "Wir lieben..." (Autos, Lebensmittel). Nächster Schritt: "Wir leben..." Angehörige der inneren Zirkel haben Fläche für eine neue Projektion entdeckt, bei der man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann:

Mittlerweile weiß jeder Kunde und jeder Anrufer eines Callcenters, dass er es beim Gegenüber mit einer unterbezahlten und halb angelernten Fachkraft zu tun hat, die sich nach irgendeiner Form von Anerkennung sehnt. Ihr Chef spart an der Ausbildung, weil dann mehr für seinen Bonus übrig bleibt. Mancher Kunde kennt das selbst. Und genau gegen diese Gefahr einer subversiven Verbundenheit (in Form von höherer Umtauschbereitschaft, Rabattgewährung,..) haben Marketingstrategen die Botschaft entwickelt: "Bei uns arbeiten die Leute aus Passion, nicht fürs Geld." Sonst wären sie ja woanders.. Schön wenn das Personal das schluckt und die Kunden entwarnt. Herzerfrischend ist das, wenn der Abhängige seinem Herrn huldigt. Stockholmsyndrom nannten wir das früher. Das sagt aber heute keinem mehr was. Klingt eher nach neuer Hipsterkrankheit.

Werde ich demnächst umarmt, wenn ich einkaufen gehe? Im Apple Store am Kudamm fehlt nicht mehr viel. Da begrüßte man mich schon beim ersten mal wie den Vater eines guten Freundes.

Mich irritiert das. Ist diese Generation nun emotionaler und offener, weil sie sogar ihre Geschäftspartner umarmt, oder hat sie sonst keinen?

In Berlin habe ich einen Blick für verunsicherte Menschen entwickelt. Das ist in Berlin aber keine Kunst, und auch nicht, wenn man lange genug in der Beratung tätig war. Hier will jeder zu einer Gruppe gehören und mit einem Lebensstil identifiziert werden, den es gar nicht gibt und der nicht funktionieren würde. Es wird viel ins eigene Design investiert. "Eigene" ist dabei weit übertrieben. Es geht nur um die Bestätigung, innerhalb des konformen Rahmens mit der eigenen kleinen Abweichung als vorne zu gelten. Sie steigen in die S-Bahn und checken ihr Rating durch Feedbackblicke. Danach zücken sie ihr Smartphone und aktualisieren ihre Feedbacklikes und Mentions. Das zieht sich durch alle Wohlstands- und Bildungsstufen: Der eigene Wert bestimmt sich durch die eigene Popularität. Man vergibt keine Clicks, man sammelt. Man folgt nicht, sondern wird gefolgt. Man giert nach Feedback, aber gibt selbst keines. Kein Wunder, dass man das Retweetet und Gelinde werden längst kaufen kann..

Alexandra Tobor hat in ihrem Podcast und Blog "In trockenen Büchern" anhand eines Werkes von Eva Illouz erklärt, was dahinter steckt. Absolut lesens- und hörenswert: Link

Wo unsere Generation noch durch Jugendzeitschriften dahin gelenkt wurde, Liebe zu einer Ware und Belohnung für trendkonformes Verhalten zu machen, wird man heute nicht nur zum Konsumieren solcher Botschaften verführt, sondern über gegenseitiges Feedback aktiv involviert.

Die Digitalisierung spiegelt dabei eine Objektivität vor, die Liebe in Feedback verwandelt und die tiefe Gefühle vermissen lässt: "Wir haben Glaubenssätze durch Wissenssysteme ersetzt." Ich wette, dass auch hinter der Gewaltbereitschaft arabischer Jungmänner diese immer gleiche Sehnsucht steckt, und genau das gleiche bei Neonazis. Die Spur führt ins Elternhaus und ins Klassenzimmer, den Orten in denen Feedback und Ratings verteilt werden.

Die Crux eines Modells, das in Heiratsmärkten gegipfelt ist: Es führt dazu, dass man selbst als um so wertvoller dasteht, je mehr man so tut, als wolle und brauche man gar nicht und sich somit verknappt. Emanzipation, also das Streben nach Autonomie, führt demnach in die falsche Richtung. Denn die Emanzipation des einen Geschlechts führt zur Gegenemanzipation des anderen. Ein Wettrüsten eines vorgestäuschten Autonomiestrebens ist die Folge. Alexandra Tobor berichtet von einem Mann, der Ratgeber für Frauen lese, "um nicht auf Frauen hereinzufallen, die nicht auf Männer hereinfallen wollen."

Was die Leute in ihren Wohnungen treiben, betrifft mich nicht. Die Involvierung auf der Straße ist nur oberflächlich. Aber im Büro will ich das eher nicht.

Dienstag, 17. September 2013

ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke ab 4.11. wieder frei?

Und noch eine gute Pressemitteilung, die ich gerne 1:1 wiedergebe. Ich habe den kleinen Verdacht, das sollte unbedingt VOR der Bundestagswahl noch raus. Und es stimmt hoffentlich:


Presseinformation
Hochgeschwindigkeitsstrecke Hannover- Berlin: Zugverkehr rollt ab 4. November wieder nach regulärem Fahrplan
Strecke zwischen Stendal und Rathenow hochwasserbedingt seit 10. Juni gesperrt - Restarbeiten an Fahrbahn und Sicherheitsanlagen werden zügig umgesetzt - Informationen und Angebote für Reisende ab 1. Oktober in den elektronischen DB-Fahrplanmedien hinterlegt
(Berlin, 17. September 2013) Ab 4. November steht die elektrifizierte Schnellfahrstrecke Hannover - Berlin mit beiden Gleisen wieder für den Bahnverkehr zur Verfügung. Damit fahren alle Züge auf dieser Relation wieder nach dem regulären Fahrplan.
„Die uns vorliegenden und ausgewerteten Gutachten zeigen, dass das Hochwasser an der Hochgeschwindigkeitsstrecke keine tiefer gehenden Schädigungen des Bahndamms verursacht hat“, erläutert Dr. Volker Kefer, DB-Vorstand für Infrastruktur und Dienstleistungen. „Die erforderlichen Arbeiten an der Fahrbahn und der Leit- und Sicherungstechnik werden so zügig umgesetzt, dass wir die Strecke schneller als ursprünglich erwartet wieder in Betrieb nehmen können.“
„Wir sind erleichtert, unseren Fahrgästen im Fernverkehr von und nach Berlin in wenigen Wochen wieder die gewohnten Reisezeiten und den vollen Fahrplan bieten zu können“, betont Ulrich Homburg, DB-Vorstand für den Personenverkehr. „Ich bedanke mich ausdrücklich bei unseren Kunden für ihre Geduld und bei unseren Mitarbeitern für ihr außergewöhnliches Engagement sowie die umfangreiche Mehrarbeit, die der Betrieb über die Umleitungsstrecken mit sich brachte.“
Ab 1. Oktober sind alle Informationen zum Personenverkehrsangebot ab 4. November in den elektronischen Fahrplanmedien der Bahn hinterlegt. Für bereits gekaufte Reisetickets ab 4. November, die noch über die aktuellen Umleitungsstrecken führen und noch die veränderten Abfahrtszeiten aufweisen, gelten die bisherigen Hochwasser-Kulanzregeln: Bis zum 15. Oktober ist der kostenlose und unbürokratische Umtausch oder die Rückgabe von Fahrkarten auf den betroffenen Strecken möglich.
Die bislang umgeleiteten Züge der ICE-Linie 10 (Berlin - Hannover - Köln/Düsseldorf), ICE-Linie 11 (Berlin - Braunschweig - Frankfurt (Main) - Stuttgart - München) und der ICE-Linie 12 (Berlin - Braunschweig - Karlsruhe - Interlaken) sowie die IC-Linie 32 (Berlin - Hannover - Köln - Mainz - Stuttgart) fahren ab 4. November wieder über die Schnellfahrstrecke Hannover-Berlin. Die Halte in Magdeburg und Stendal entfallen damit ebenso wie die Fahrzeitverlängerungen durch die Umwege.
Die Züge der IC-Linie 16 (Berlin - Hannover - Frankfurt (Main)) und der IC-Linie 77 (Amsterdam - Osnabrück - Hannover - Berlin) fahren ab 4. November wieder durchgehend bis Berlin und die EC-Linie 99 (Hamburg - Berlin - Wroclaw) wieder bis Hamburg. Alle Wochenend- und Verstärkerzüge, die aufgrund der eingeschränkten Infrastruktur entfallen mussten, verkehren ab 4. November ebenfalls wieder planmäßig. Auch der ICE-Sprinter zwischen Berlin und Frankfurt (Main) ist dann wieder als reservierungspflichtiger Zug mit verkürzter Fahrzeit unterwegs.
Mit der Wiederaufnahme des regulären ICE- und IC-Angebots zwischen Hannover und Berlin entfällt ab 4. November das derzeit auf der nicht elektrifizierten „Stammstrecke“ eingesetzte Zugpaar am Morgen und Abend.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke musste am 10. Juni im Abschnitt Stendal - Rathenow gesperrt werden, da sie nach einem Dammbruch nahe Schönhausen auf ca. fünf Kilometer Länge komplett überflutet war. Nach Ablaufen des Wassers begannen die Aufräum- und Sanierungsarbeiten, bei denen bis heute 100 Kilometer Kabel ausgetauscht sowie 180 Signale und Oberleitungsmasten, mehrere Weichen und 16 Ingenieurbauwerke überprüft und repariert wurden. Nahezu 300 Mitarbeiter der Bahn und beauftragter Firmen waren dafür im Einsatz. Daneben wurden systematisch mehrere Probebohrungen und Georadarmessungen durchgeführt, um verlässliche Aussagen zum Ausmaß der Schäden im Untergrund und Oberbau treffen zu können.
In den kommenden Wochen finden noch einige abschließende Arbeiten an der Strecke statt. Dabei werden beispielsweise Schwellen verklebt sowie die Neuinstallation der Leit- und Sicherungsanlage fortgesetzt. Im Anschluss startet ein umfangreiches Testprogramm, bei dem zahlreiche Mess- und Inspektionsfahrten, einschließlich der Befahrung mit Hochgeschwindigkeit, durchgeführt werden. Nach Abschluss dieser Tests wird die Strecke final für den Bahnverkehr freigegeben.
Herausgeber: DB Mobility Logistics AG
Potsdamer Platz 2, 10785 Berlin, Deutschland
Verantwortlich für den Inhalt:
Leiter Kommunikation Oliver Schumacher

Samstag, 14. September 2013

Berlin, Potsdamer Platz und Müggelsee

Anfang 2013 hatte ich mir eine Nikon Coolpix P510 zugelegt. Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Systemkamera mit Wechselobjektiven, war dann aber über diese Superzoomkamera gestolpert. Di e Fotos vom Anhalter Bahnhof und von Mallorce hatte ich mit ihr gemacht. Der Zoom ist super, aber sie ist zu groß und lässt keine manuellen Einstellungen zu.
Vor kurzem habe ich sie verkauft und mir eine Olympus PEN EMP2 zugelegt. Zusätzlich ein Pancake Objektiv mit Festbrennweite sowie einige Filter. Die ersten Ergebnisse nachfolgend:









Donnerstag, 12. September 2013

Pendlerherbst

Die Zeit des leisen Übergangs vom Sommer in den Herbst liegt jetzt schon hinter uns. Um acht ist es dunkel und ich lasse die Jalousien runter. Unser Garten liegt im Dunkeln, der Regen rauscht, vermutlich die ganze Nacht. Wenn ich es morgen wieder hoch ziehe, wird es immer noch dunkel sein und die Gartenmöbel nass. Jetzt kühlt es nachts richtig ab und auch in der Wohnung ist es nicht mehr unnatürlich wärmer als draußen.

Diese Woche gibt es Dauerregen. Aber noch wärmt es sich auf knapp zwanzig Grad. Das Laub ist noch grün und in Fülle an Baum und Strauch. In Berlin so wie in Wolfsburg. Aher die Herbstsaison ist eingeleitet. Noch spüren wir die Wärme, die wir aus dem Sommerurlaub mitgenommen hatten. Vom Strand, aus dem Meer, aus dem See, vom Gendarmenmarkt, wo wir Kaffee getrunken haben. Solange wir diese Wärme noch in uns haben, ist der Herbst nicht unangenehm. Wir sind dann im "noch". Aber dann kommt das "nicht mehr", spätestens Mitte Oktober, also in vier Wochen..

Seit dem Hochwasser und damit seitdem wir mindestens vier Stunden täglich in Zügen verbringen, tauchen wir durch die Woche einzig in der Hoffnung, dass das Wochenende schnell kommen möge. Eine unwürdige Art ist das, Lebenszeit wegzuwerfen. Ich weiß das, lebe derzeit aber dennoch so. Ich merke immer nur am Wochenende, dass ich auch noch Mensch bin, dem ein bisschen Freizeit und Hobby zusteht.

Schon ist das Autofahren keine Alternative mehr. Das war dann, im Sommer, bei Sonnenschein und leergefegten Autobahnen. Jetzt wollen wir hoffen, dass die Berliner Zeitung nicht schon wieder eine Ente gebracht, als sie heute den Bahnchef zitierte, es werde nun schnell gehen, bis der Normalbetrieb wieder möglich wäre. Immerhin ist der alte Diesel-IC, mit dem wir seit dieser Woche auf der nicht elektrifizierten Nebenstrecke über die Elbe fahren, eine Linderung. Und die BR 218 (Link) sicher ein Schmankerl für Modellbahnfans.

Mittwoch, 11. September 2013

iPhone 5S - "S" wie "Spy"?

Computer und Smartphones kauft man ja gerne kurz nach deren Aktualisierung. So maximiert man den Zeitraum, bis das Gerät wegen gewachsener Ansprüche der Software so erlahmt ist, dass man neu kaufen muss.

Ich schiebe seit Juni die Anschaffung eines neuen iMac Desktop vor mir her, weil es hieß: Update in Sicht. Konkret: Mindestens ein neuer Prozessor. Da ja auch ein Betriebssystem angekündigt ist, wollte ich ressourcenmäßig auf dem neuesten Stand aufsetzen. Hoffnung gaben mir die Sonderangebote für konfigurierte iMacs (z. B. mit Fusion Drive) bei Gravis, sonst immer ein Zeichen für anstehende Aktualisierungen.

Doch da wurde ich gestern Abend enttäuscht. Bei den iMacs tut sich nichts. Kein Update, kein Hinweis, kein Wort. Was jetzt? Weiter warten oder kaufen?

Davon mal ab, was hat Apple gestern eigentlich an Neuigkeiten verkündet? Das alte iPhone 5 heißt jetzt "c" - wie Colour und kommt mit farbigen Gehäusen. Ok. Aber warum hat Apple Gerüchte von einem "Billig"-iPhone laufen lassen, wenn dieses jetzt gerade mal 100 Euro weniger kostet? Soll man jetzt 600 Euro hinblättern, um mit Signalfarbe zu verkünden, dass es nur für ein Billig iPhone gereicht hat?

Das neue iPhone 5 heißt "s" und kommt mit einem neuen Prozessor (gut, siehe oben). Weitere Neuigkeiten:
- ein Bewegungssensor
- ein Fingerabdrucksensor.

Das auf einen internationalen Markt zu bringen traut sich Apple inmitten weltweiter Empörung über die NSA und ihre commonweltlichen Schwestern, die jeden Rechner, jedes Smartphone, jeden Backbone abhören. Mit dem neuen iPhone "s" unterstützt man die Dienste noch besser: Wann ruht er, wann fährt er? Und: ist es wirklich "er"? Das kann man künftig anhand des Fingerabdrucks prüfen. Vielleicht reicht es bei der US Einwanderungsbehörde künftig, sein iPhone einmal kurz an einen Bluetooth Erfasser zu halten und schon darf man durch.

Fazit: Apple spielt voll auf Ballhöhe. Die Botschaft: Datenschutz ist 80ies - kapiert das endlich!

Das "s" im neuen iPhone könnte für "Spy" stehen.

NACHTRAG am Abend:
Ich bin nicht der einzige, der enttäuscht ist: Die Apple Aktie verliert heute 6% bzw. 25 EUR.

Sonntag, 8. September 2013

Hoimar von Dithfurth, der einzig wahre Öko

Ich ahne, dass wir so etwas wie ein Revival (wenn man das in dem Zusammenhang so nennen kann) des Weltalls bekommen werden. Nicht nur der neue Clooney Film "Gravity" deutet darauf hin. "Melancholia" von Lars von Trier ging bereits in diese Richtung:

Die ersten Bilder von der Erde im All und dann die Livebilder vom ersten Mann auf dem Mond gaben der damaligen Ökobewegung einen Schub: Die Erde ist unsere Oase im Weltall, sie ist kostbar und einzigartig. Es löste einen kollektiven Beschützerinstinkt aus, der zur Gründung von Greenpeace und den Grünen führte.

Das Problem: Die genannte Ökos lagen etwas neben der Sache. Sie verkannten die Dynamik des Weltalls, all die Effekte und Einflüsse, die Leben erst entstehen ließen. Radioaktivität z. B. ist nicht des Teufels. Sie ist Motor der Mutation und Evolution auf der Erde. Sie auch der Brennstoff der Sonne. Welch eine Ignoranz, die Sonne als Ökoenergie zu vergöttern, und Kernenergie zu verteufeln. Die Sonne ist nichts anderes als ein großer nuklearer Reaktor. Alle Stoffe jenseits des Wasserstoffs gibt es überhaupt nur, weil nukleare Reaktionen in Sternen ein Element nach dem anderen erbrütet habem.

Der Öko westlichen Typs prangert jeden an, der im Leben etwas gestalten will, oder der das Leben selbst voran bringen will. Der Westöko ist stockkonservativ. Er gibt sich rational, doch sein Sozialverhalten spricht dagegen. Nichts bereitet ihm mehr Wonne, als anderen zu verbieten, das Leben zu gestalten oder -noch schlimmer- zu genießen.

Aber diese Ära könnte bald hinter uns liegen. Hoimar von Ditfurth hatte diese Erkenntnis schon vor dreißig Jahren. Wir treiben nicht einsam im Weltall. Wir sind aufs wesentlichste verbunden mit dem All. Der Sonnenwind treibt so weit an die Ränder unseres Sonnensystems, dass man sagen muss, dass wir uns in einer Atmosphäre der Sonne bewegen. Diese hält uns wie eine Kugel gefährliche Strahlung aus dem All vom Leib. Doch auch für uns wäre der Sonnenwind gefährlich, träfe er ungebremst auf die Erde. Doch davor sind das Magnetfeld und unsere Atmosphäre, die die Sonnenwinde ablenken und bremsen.

Doch in immer kürzeren Abständen bricht unser Magnetfeld zusammen. Sei es durch Meteoreinschläge oder andere Gründe. Jedenfalls gelten diese Zeiten als Beschleuniger der Mutation auf der Erde, weil uns mehr Radioaktivität trifft.

Und so weiter und so fort. Wichtige Erkenntnis ist: Wir sind mit dem Weltall verbunden und keine isolierte Insel. Da draußen herrschen nukleare Energie, die Gewalt von Kollisionen zwischen Himmelskörpern und die kreative Zerstörung durch radioaktive Strahlung. Kurz: Das Leben handelt von Aktion, Energie und Umgestaltung. Das ist das ganze Gegenteil grünen Lifestyles.

Irgendwann wird sich das herumsprechen.

Samstag, 7. September 2013

Juchostraße, Wambel

Der holländische Psychologieforscher Douwe Draaisma hat in seinem Buch "Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird" auf einen interessanten Effekt hingewiesen: Wir versäumen, die alltäglichen Dinge zu fotografieren, die bestimmte Lebensabschnitte repräsentieren. (Meine Rezension: Wie Nostalgieeffekte entstehen).

Zu diesen Dingen gehört in meinem Leben die Juchostraße in Dortmund Wambel. Ich bin in unmittelbarer Nähe des Borsigplatzes geboren. Meine allerersten Sinneswahrnehmungen waren durchdrungen von Lärm. Stahlwerke, Autos, Straßenbahn. Aber auch das Rauschen der Pappeln im Hoeschpark.

Später zogen wir in die Rüschebrinkstraße, die den Hellweg mit dem Hoesch Werk Westfalenhütte verband. Westlich von uns lagen Maschinen- und Stahlfirmen. Östlich die Wohnungen und Häuser der Wambeler Arbeiter und Angestellten. 

Wenn es Herbst wurde, radelten wir die Kastanienbäume ab. Besonders üppige standen an der Juchostraße, Ecke Hellweg. An der Juchostraße lagen und liegen eine Maschinenfabrik, Autohändler, eine Niederlassung eines LKW-Herstellers. Aber vor allem: Eine Gruppe von Kastanienbäumen, alt und hochgewachsen. Wir nannten diesen Ort "Kastanienplatz". Dahinter lag das Grundstück einer alten Villa. Stand man unter den Kastanienbäumen und schaute hoch, sah man keinen Himmel sondern die undurchdringlichen, rostbraun gefärbten Kronen der Bäume. Übersäht von leuchtend grünen Kastanien, die darauf warteten von uns mit Knüppeln, alten Fahrradlenkern und Fußbällen runtergeholt zu werden. Der Vorteil war, dass man hier auf nichts Rücksicht nehmen musste, außer darauf, dass einem niemand die Beute klaute, die nach einem erfolgreichen Wurf klackend vom Himmel fiel. Von diesen Erlebnissen existiert kein Foto.

Zehn Jahre später wurde die Juchostraße wieder interessant für mich. Als ich einen Praktikumsplatz für mein Studium suchte. Der Vater eines Freundes hatte Beziehungen zu "Holstein und Kappert". So hieß die Maschinenfabrik, ein Hersteller von Getränkeabfüllanlagen. Mein Kumpel und ich gingen dort drei Monate in die Lehre. Genauer gesagt in die Lehrwerkstatt. Drehbank, Schweißgerät, Schaltschränke waren mein Programm. Wenn wir morgens mit dem Fahrrad über den Hellweg zur Juchostraße fuhren, kamen wir an einer der größten Baustellen Dortmunds vorbei: Dem unterirdischen Ausbau der B236, der die Rüschebrinkstraße entlasten sollte. Die B236 sollte den Schwerverkehr aufnehmen, der von der B1 - und nicht zuletzt vom Hoesch Werk Phoenix in Hörde zur Westfalenhütte wollte. Als die B236 irgendwann fertig war, beschloss Hoesch, sein Phoenix Werk nach China zu verkaufen. 

Wir aber radelten morgens vorbei an endlosen Schlangen von Betonmischern, die den Tunnel unter Wambel versorgen sollten. Auch aus dieser Zeit, in der das Gesicht von Wambel erheblich verändert wurde: Kein Foto.

Holstein & Kappert ("Holstein, es klappert") wurde später von KHS (Link) übernommen. Heute ist die Firma eine der letzten größeren Industrieunternehmen in Dortmund, die in alle Welt exportieren, und sie liegt in Wambel. Aber wie das so ist, wer nicht auf sie angewiesen ist, den kümmert sie auch nicht weiter. Die Altwambeler sind schon lange ab von Stahl, Maschinen und so Zeugs. Deshalb sieht die SPD auch keine Not, einem etwas ungewöhnlichen Antrag von KHS nachzukommen. Die Firma ist gewachsen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo früher nur Lager, waren, ist ausgebaut worden. Das Kreuzen der Straße wird immer hinderliche, und jetzt sind noch neue Gesetze hinzugekommen, die für die Anlagenhersteller im Nahrungsmittelsektor eine lückenlose Kontrolle und Sicherheit bei der Produktion vorschreiben. Deshalb hat KHS beantragt, die Juchostraße "einzuziehen" und ein durchgängiges Firmengelände daraus zu machen (Link: Lokalkompass). Der Kastanienplatz wäre davon übrigens nicht betroffen.

Die Anwohner der Rüschebrinkstraße sind dagegen, weil sie den Verkehr der Juchostraße übernehmen müssten. Ich bin gespannt, wie sich die SPD entscheidet und wer in ihr die Mehrheit hat: Arbeiter und Angestellten oder  Rentner.

Sonntag, 1. September 2013

amazon kindle für Pendler?

Mein Plan war: Wenn ich schon täglich mindestens zwei Stunden im ICE sitze, muss ich die Zeit so effektiv wie möglich verbringen. Inzwischen sitze ich täglich vier Stunden im Zug. Nur, Papierkram und Post habe ich nicht mehr so viel wie früher. Also heißt "effektiv" für mich vor allem Lesen. Seitdem wir WLAN zu Hause haben, lese ich abends so viel wie nie. Allerdings keine Bücher, sondern im Internet.

Wieder mehr Bücher lesen, war also mein Plan. Nur ist es so, dass ich meinen Bürolaptop oft dabei habe. Denn ich habe meist direkt morgens oder direkt vor Feierabend Termine, bei denen ich ihn brauche. Also schleppe ich ihn mit. Und da fängt buchstäblich die Abwägung an. Laptop und Kabel sind schwer genug, jetzt noch zusätzlich ein Buch mitschleppen? Nein. Also habe ich mich eingelesen ins Thema ebook Reader, übrigens insbesondere beim Literaturcafe.de (Link).

Ich entschied mich für den amazon kindle Fire (7 Zoll /17cm, Link). Denn den kann ich auch zu Hause zum Surfen und für ein paar Apps benutzen. Er ist quasi Reader und Tablet (mit WLAN). Ich entschied mich dann gegen den Rat eines Bekannten, der auf den kindle Paperwhite schwört.

Der kindle Fire kam, und nach dem Auspacken wirkte er edler als erwartet. Die ersten ebooks, die ich runter lud waren aus der kostenlosen Sammlung klassischer Literatur (vor allem Nietzsche war eine Entdeckung). Meine ersten Eindrücke vom kindle Fire waren und sind:

  • Man kann auf dem kindle Fire gut lesen und blättern. 
  • Toll finde ich die Möglichkeit, interessante Textstellen anzumarkern. Eine Konfigeinstellung erlaubt zu sehen, welche anderen Textstellen von anderen wie oft markiert wurden.
  • Auch für den Rechner gibt es eine App, die das Lesen von ebooks erlaubt. Die Bücher und die Textmarkierungen werden synchronisiert.
  • Man kann auch PDFs lesen und textmarkieren. Man kann sich auch von anderen PDFs auf seine kindle Email schicken lassen. Das hat sich als sehr praktisch erwiesen.
  • Er ist das einzige Tablet ohne Kamera (wichtige Voraussetzung, um ihn mit ins Werk nehmen zu dürfen. Gängige Smarthphones und Tablets mit Kamera sind verboten.)
  • Der Akku hält mehrere Tage, wenn man die WLAN Funktion nur einschaltet, wenn man sie braucht und ansonsten auf "Flugmodus" stellt.
  • Der Silk Browser ist elend schlecht. Er erkennt nicht automatisch mobile Webseiten. Es gibt keine Favoritenleiste, für jede neue Adresse öffnet man einen neuen Tab und wählt aus der Historie aus. 
  • amazon schränkt die Liste der verfügbaren Apps stark ein. Z. B. habe ich keinen Railnavigator der Bahn installieren können.
  • Die amazon Cloud funktioniert gut. In meinem Mac Finder bekomme ich ein Ordnersystem, in das ich Fotos und PDFs schiebe. Diese werden mit dem kindle synchronisiert.
  • Filme von LOVEFILM sind nur streambar, was für Zugfahrten über Land sehr schlecht ist. Nutze ich nicht.
Alles gute Eigenschaften. Jedoch gib es einen -entscheidenden- Malus, der mich davon abhält, es täglich mitzunehmen: Sein Gewicht von 440g. Das ist das Doppelte eines reinen kindle Reader. Selbst das iPad Mini ist 100g leichter.

Ich steckte es deshalb zunächst nur an solchen Tagen in die Tasche, an denen ich ohne Laptop war. Das war eine Zeit, in der ich viele Bücher schaffte. Das heißt, erheblich mehr Geld für neue Bücher ausgab, als früher.

Ein weiterer Nachteil eines ebooks ist nämlich: Man kauft es in der Regel zum Neupreis eines Hardcovers. Es gibt keine zeitversetzten Taschenbuchausgaben oder gebrauchte ebooks (obwohl dafür längst ein Geschäftsmodell und Technologie erfunden sind, ich berichtete darüber).

Was ich in der ersten Klasse der Bahn inzwischen auch zu schätzen weiß: Die überregionalen Tageszeitungen, die im Preis inbegriffen sind. Ich lese wieder mehr Zeitung, und zwar die viel reichhaltigeren Printausgaben von FAZ und SZ. Seitdem habe ich wieder mehr das Gefühl, auf Ballhöhe zu sein.

Stehen somit Bücher und Zeitungen in Konkurrenz um meine Reisezeit? Gewonnen haben die Zeitung und mein Laptop. Was ich während des Hochwasserfahrplans nämlich auch schätzen gelernt habe: Viele Bahnkunden sind inzwischen abgesprungen. Ich habe manches mal ein 1. Kl. Abteil für mich. Mit Tisch und Klima. Besser kann man nicht arbeiten: Konzentriert, ohne störendes Telefon, ohne hereinstürzende oder ablenkende Kollegen. Und vor allem: Ohne Internet und Email.

Meine Empfehlung für Bahnpendler ist deshalb der ebook Reader mit dem geringsten Gewicht und der größten Buchauswahl. Für meine Begriffe ist das der normale amazon kindle (170g). Danach käme das iPad mini (200g) mit der App für den amazon Bookstore. 

Ich werde demnächst umsatteln, weiß aber noch nicht, auf was.