Freitag, 16. Februar 2018

Wie subjektiv wir unser Gedächtnis anlegen

Der Braunschweiger Martin Korte erklärt in seinem Podcast "Die Biografie in den Neuronen" (SWR2 Wissen, Link), wie jeder Abruf einer Erinnerung diese verändert:

Wir greifen nicht jedesmal auf eine unveränderliche Datei auf unserer "Festplatte" zu, sondern lesen aus und reichern mit unseren in dem Moment empfundenen Sichten, Gefühlen etc. an und speichern dann neu. Auch nimmt die Art, wie wir uns befragen -oder befragt werden-  Einfluss darauf, welche Informationen wir beim nächsten Speichern betonen, abschwächen oder weglassen.

Schaut man noch genauer hin, wird gar nicht eine einheitliche Datei abgespeichert, sondern Links auf verteilte Stellen im Gehirn. Beim Abruf wird aus den verlinkten Informationen die Erinnerung konstruiert.

Damit wird plausibel, wie subjektiv und beeinflussbar unser Gedächtnis ist. Noch wichtiger wird diese Erkenntnis, wenn wir wissen, dass unser Gedächtnis einen sehr großen Einfluss auf unser Bewusstsein hat. Würden wir nicht an einer zentralen Stelle ein Modell von der Wirklichkeit bzw. der Erinnerung konstruieren, zerfiele unser Bewusstsein in seine Einzelteile.

Damit wird mir klar, dass es nicht nur unsere gespeicherten und momentan wahrgenommenen Informationen sind, die uns zu einer "Person" integrieren, sondern die Verbindungen zwischen diesen.

Besonders wichtig in der heutigen Zeit ist, dass uns alles was wir beim Verarbeiten einer Information - z. B. beim Lernen- zusätzlich aufnehmen, ablenkt und Einfluss auf die Qualität der gespeicherten Information nimmt.

Untersuchungen an der Generation "Digital Native" haben gezeigt, dass Leute, die "im Internet" herangewachsen sind, immer weniger Informationen selbst verarbeiten und speichern, sondern immer mehr Fragen mit Suchstrategien beantworten.

Dies hat großen Einfluss auf das Bewusstsein dieser Leute. Insbesondere, wenn sie auch Fragen nach sich selbst mit Suchstrategien beantworten. Z. B. Suchen in der eigenen Fotosammlung...

Aber auch die permanente Versorgung mit Informationen hat großen Einfluss auf die Art unserer Wahrnehmung von der Welt. Wenn wir die Informationsverarbeitung so übertreiben, dass unser Gehirn seine Selektion verstärkt -die einzige Reaktionsmöglichkeit, die es hat- geraten wir nicht nur in eine Filterblase sondern einen Trichter. Die Selektion verstärkt sich immer mehr auf Bekanntes, was wiederum zur Bestätigung von bereits gespeicherten führt.

Wir verlieren dabei unsere Fähigkeit, die Welt zu verstehen. Denn wir verstehen die Welt anhand dessen, was wir schon wissen - also geordnet und in Kontexten gespeichert haben.

Mir erklärt dieser Zusammenhang ein wenig meinen Eindruck, dass immer mehr Leute auf mich wirken, als unterlägen sie einer Gehirnwäsche: Wer sich ohne ein Mindestmaß an Vorbildung und der Fähigkeit zu lernen ins Internet, insbesondere soziale Medien, begibt, wird sich dort radikalisieren. Und Regierungen nutzen das, indem sie Informationen immer ungenierter vereinfachen und zuspitzen. Bis am Ende nur noch Minderheiten kritische Fragen stellen. Und die Regierung zeigt auf diese und ruft: "Haltet den Dieb!"

2 Kommentare:

  1. Dem letzten Absatz kann ich uneingeschränkt zustimmen. Ich möchte auch auf die Unterschiede zwischen Information, Wissen und Bildung hinweisen. Insbesondere die Nutzung "sozialer" Medien führt leicht dazu, daß die Rezipienten bei "Information" stehen bleiben - und bei dieser auch nur wissen, wo sie klicken müssen. Doch wie soll man von dieser Stufe, die man nur über sein Smartphone gebeugt fast schon autistisch bis zum Leerlaufen des Akkus erlebt, weiterkommen? Zu Wissen, gar zu Bildung? Erinnern möchte ich an die früher häuftig zu hörende Sentenz, der Betreffende habe "eine gute Allgemeinbildung" oder sei "sehr belesen". Das war als unbedingtes Kompliment, versehen mit einem Schuß Bewunderung, gemeint. Wahrscheinlich würden das heute nicht mehr viele wirklich einordnen können oder gar verstehen.

    Spiegelt man das am Irrsinn von Facebook & Co. und der mit dem Internet oft einhergehenden Trivialisierung, Infanitilisilerung sowie dem Unvermögen, sich wirklich mit Dingen eingehend und auch abstrakt zu beschäftigen, dann kann einem um die Zukunft der "Wissensgesellschaft" und weiter des "Innovationsstandortes" bange werden. Aber es ist mittlerweile ja vielleicht auch eines der immer noch so genannten "Bildungsziele", die Oberflächlichkeit und damit gleichzeitig die Manipulationsmöglichkeiten zu maximieren.

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  2. Ja. Verdummung und die nicht zu unterschätzende Infantilisierung ("Tu' nicht so erwachsen."). Dazu passt ja auch das Image einer "Mutti" als mächtigster Frau Europas. Mutti kümmert sich, ich darf noch spielen.

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