Freitag, 6. April 2018

Digital Labs in Berlin

Ein alter Traum wird jetzt wahr: Berlin wird Sammelbecken digitaler Projekte. Immer mehr Konzerne gründen Digitallabore, Softwarehäuser, Tochterunternehmen. Warum in Berlin? Weil die anderen auch schon hier sind, ist die plausibelste Erklärung. Vor 10 Jahren hieß es: Weil man Informatikabsolventen am einfachsten nach Berlin locken kann - falls sie nicht eh schon hier studiert haben.

Und so kommt es, dass Berliner immer seltener in die Umgebung pendeln müssen, sondern die Arbeit zu ihnen kommt. Da die Wohnungen aber knapp sind, ziehen immer mehr in die Randbezirke oder Brandenburger Städte wie Teltow und pendeln dann nach Mitte.

Was interessant ist: Diese Projekte und Labore werden international besetzt. Nicht selten ist die Projektsprache englisch und die Projekte rekrutieren sich international. Man kann derzeit "Auslandserfahrung" mitten in Berlin sammeln.

Wer sich vor zwei Jahren als Product Owner auf dem Berliner Arbeitsmarkt anbot, fand schlicht nichts. Inzwischen trudeln die Benachrichtigungen über offene Stellen mehrmals pro Woche ein. Selbst wenn man den Kreis sehr eng um die eigene PLZ zieht.

Und natürlich ist es so, dass die Konzern- aber auch die Verwaltungstöchter Spezialisten in neuesten Technologien suchen, vorzugsweise mit reichlich Erfahrung. Und so trifft man viele alte Bekannte wieder, was schön ist. Es ist eine wirtschaftlich gute Zeit für Informatiker und Ingenieure. Und zwar nicht, weil wir eine gute Wirtschaftspolitik haben. Die haben wir weder im Bund noch im Land. Angetrieben wir das ganze vor allem aus einer diffusen Mischung aus Verlustängsten. Angst, Boden an das Silicon Valley zu verlieren. Aber auch das Zinsdoping treibt diese Entwicklung. Und zwar noch mehr als Ende der 90er Jahre.

Die Arbeit in diesen neuen Arenen macht Spaß. Dennoch gibt es nirgendwo eine kontaktlose Veränderung in den alten Strukturen. Man hat die Besitzstandswahrer in jedem Fall auf der Bühne. Die Frage ist nur, ob als Kunden oder Kollegen. Und so manches Modernisierungsprojekt wird als "agil" deklariert, losgetreten und dann sofort wieder ausgebremst. Gas und Bremse gleichzeitig. Man ist so lange nicht agil, wie man einem Modernisierungsverweigerer mit Macht ausstattet.

Diese Verweigerer können auch in den eigenen Reihen schlummern. Immer noch glauben viele Ex-Manager aus großen IT-Häusern, dass es genügt sich eine Kompetenz bei Wikipedia anzulesen. Die sagen ihren jungen Beratern ins Gesicht: Geh mal dahin, aber positioniere dich nicht. Und lass dir keine Angst oder Unsicherheit anmerken.

So geht es nicht. Mag sein, dass IBM und Siemens jahrelang so gemanagt wurden. Aber so macht man heute keine Projekte mehr. Und deshalb wird so manches Digitallabor nicht überleben, wenn es nicht rechtzeitig entrümpelt wird.

Aber auch das Gegenteil gibt es: Kindergeburtstage, in denen viel geredet und posiert wird, aber nichts bewertet, nichts entschieden und nichts umgesetzt wird. Wo man einen Dummen sucht, der kurz vor Terminen schnell etwas aus dem Ärmel schüttelt.

Es dauert halt lang, bis eine tief sitzende Mentalität überwunden wird.

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