29 November 2010

A Conspiracy Of Hope

Dieser #cablegate Coup von Wikileaks wirkt auf uns auch deshalb so stark, weil wir investigativen Journalismus nicht mehr gewohnt sind. Es ist eine Generation von Mainstreamjournalisten -und zwar vor allem in der Hauptstadt- herangewachsen, oder herangezogen worden, die Pressemitteilungen von Konzernen auf Webseiten kopiert. Das sind natürlich auch wir Leser schuld, denn wir geben immer weniger Geld für Zeitungen aus.

Doch ausgerechnet der Erfinder des (ursprünglich strategisch angelegten) Internets wird nun mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Herzlichen Glückwunsch an die -wie ich hoffe- Person Of The Year 2010, Julian Assange. Dieser Mann hat den Mächtigen den Einfluss auf die Nachrichtenlage aus der Hand geschlagen und sie denen zurückgegeben, die von ihr am meisten betroffenen sind: den regierten Bürgern.

Und es ist so typisch deutsch, dass es
a) lange dauert, bis wir in den Mainstreammedien etwas darüber hören oder sehen und
b) die Offenbarungen mit Klatsch-und Tratschpotenzial sind, die sie dann doch über den Äther senden.

Man musste sich gestern die Mühe machen, die englischsprachigen Zeitungen zu lesen, um etwas mehr Substanz zu finden.
Währenddessen präsentierte uns Anne Will eine Hand voll Unkundiger, die ohnehin ihre Köpfe "regelmäßig in die Glotze hängen" (W. Niedecken). Dort kommentierte der pseudoliberale Dirk Niebel die Enthüllungen mit einem Vokabular, dass wir anderweitig nur von Despoten aus Nordkorea, China oder Nordafrika kennen: Er nannte Wikileaks illegal und erhob alle Beteiligten in den Rang des "Unbedeutenden". Wenn es ihm oder seiner Klientel an den Kragen geht, denunziert er die Investigativen als Kriminell. Das war mit den CDROMS über die Steuerhinterzieher genau so. Nach seinem gestrigen Auftritt muss Sonnenbrillen- und Basecapträger Dirk Niebel seinen Rang eines Ministers eigentlich neu legitimieren.

Australien hat verkündet, dass Herr Assange per Haftbefehl gesucht wird und er sich im Lande nirgendwo verstecken könne. Das kennen wir wie gesagt von paranoiden Diktatoren. Ich jedenfalls würde Assange Asyl gewähren, weil er ab jetzt politisch verfolgt ist.

Die Enthüllungen über die deutschen Regierungspolitiker sind eigentlich keine. Da beglückwünsche ich Botschafter und Nachbar Murphy viel eher zu seiner Urteilskraft. Schön, solche offenen Worte zu lesen, die in jeder Talkshow als unkorrekt wegempört worden wären. Dass Westerwelle eitel, aufbrausend und ansonsten inkompetent ist, und dass es ihm nur um den verliehenen Status des Amtes geht, das wussten wir schon. Dass Merkel konservativ und unkreativ ist, und meist zögernd abwartet, wie sich die politischen Marktkräfte entwickeln, das wussten wir schon und trifft auf drei Viertel unseres Establishments zu. Eigentlich auch ein Skandal, dass sich tausende hochbezahlter Mitarbeiter mit solchen Katz-und-Maus-Spielen beschäftigen. Man könnte auch auf die Idee kommen, dass wir ein Auswärtiges Amt nicht mehr brauchen, und es wegrationalisieren können - mit Hilfe des Internets.

Für massiven Wirbel wird Wikileaks aber vermutlich im nahen Osten sorgen. Und natürlich in den USA selbst. Und das gönne ich der US-Regierung. Wikileaks hat für eine Art Waffengleichheit gesorgt, für Augenhöhe, löst sozusagen eine Verschwörung der Hoffnung aus (um an einen früheren Claim von Amnesty International zu erinnern). Wer meine Bankbewegungen, meine Fingerabdrücke, meine Vielfliegernummer und was sonst noch wissen will, von dem weiß ich nun, wie er über uns und die Welt denkt.

Wie infam der Ruf der Diplomatie, die Enthüllungen würden Menschenleben gefährden und hätten deshalb verhindert werden müssen. Wie so oft, wird auch hier der Übringer der schlechten Nachricht zum Abschuss frei gegeben, nicht der Urheber der Nachricht selbst. Sie, die das Internet benutzen, um uns zu beeinflussen und zu beherrschen, werden über das gleiche Medium nun selbst beherrscht. Wenigstens für einen Moment. Bis sie zurückschlagen und das Internet streng reglementieren und zensieren.

Um es mit Mark Zuckerberg zu sagen: Wenn Ihr nicht wollt, dass herauskommt, was Ihr tut, dann solltet Ihr es vielleicht gar nicht erst tun.

Die für Verschwörungstheoretiker so interessante Frage, ob man auf unserem Planeten ein wichtiges Geheimnis wirklich für längere Zeit geheim halten kann, ist jetzt mit Nein beantwortet.

What's next? Wir hatten bis jetzt Militär und Diplomatie. Zwei Instanzen, die von Daten und Informationen leben. Fehlt nur noch ein datensammelndes Unternehmen...

23 November 2010

Gehaltsentwicklung: Bänker sahnen ab, Kreative und Lehrer auf Abstiegsplätzen

Trotz aller Beteuerungen kommunaler Kreativwirtschaftsexperten: Kunst lohnt sich immer noch nicht. Jedenfalls für die meisten nicht. Die offizielle Einkommensstatistik von destatis.de zeigt, wer in den vergangenen zwölf Monaten die stärksten Gehaltserhöhungen abgestaubt hat: Bänker und Versicherer.

Also die Berufsgruppen, deren Kastanien wir Steuerzahler einmal im Jahr aus dem Feuer holen. Auch Angestellte von Energieversorgern profitieren. Ohnehin auf hohem Niveau gebettet, haben sie die drittgrößten Steigerungen genossen. Energiepreiserhöhungen von jährlich fast 10% sei es gedankt!

Unter dem Verbraucherpreisindex, also Reallohneinbußen hinnehmend, platziert: Neben Künstlern auch das Hotelgewerbe. Die Steuersubventionen der FDP stecken sich also die Geschäftsführer selbst ein.

Und: Lehrer und Kindergärtner, deren Wohl Regierungspolitikern in Bund, Ländern und Gemeinden angeblich am Herzen liegt, rangieren auf einem Abstiegsplatz:

22 November 2010

Die Zeit läuft rückwärts

Vor zwei Jahren, als wir in Mitte auf die Anti-AKW Demo gingen, fiel es mir zum ersten mal auf: Die Zeit hat angefangen rückwärts zu laufen. Ein paar Beispiele aus den Nachrichten:

- Gorleben
- Raketenstationierungen in Europa
- Terrorismus
- Ölkrisen
- Vollbeschäftigung und konzeptloses Gerede über Einwanderung
- Inflation

Und auch die Fronten innerhalb von Europa werden bald wieder aufbrechen: Sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der Länder zwischen oben und unten.

14 November 2010

Am Werbellinsee

Neben dem Kanzlerbungalow vebinde ich Helmut Schmidt noch mit einer anderen deutschen Sehenswürdigkeit: Im Dezember 1981 empfing ihn Erich Honnecker am Werbellinsee. Auf der Agenda stand die Hochrüstung beider deutscher Staaten mit Mittelstreckenraketen: Honneckers DDR hatte bereits welche verpasst bekommen, Helmut Schmidt machte sich für die konsequente Umsetzung des NATO - Doppelbeschlusses stark: Die Nachrüstung ("Kalte Stunden am Kamin", Deutschlandradio). Am Tag von Schmidts Abreise verhängte Polens General Jaruzelski das Kriegsrecht.

Das ist lange her, mir aber noch präsent, weil es der Beginn der Friedensbewegung auf unserem Gymnasium war. Der "Werbellinsee" geisterte wochenlang durch die Abendnachrichten. Ich stellte ihn mir als den oberoffiziellsten und deshalb langweiligsten (so langweilig wie die "alten" Staatsmänner) Sees Berlins vor.

Jetzt erhielten wir eine freundliche Einladung "an den Werbellinsee". Das klang aufregend. Und war es auch. Ich kann hier nicht alle Fotos zeigen und nicht alle Geschichten zum Besten geben, von Honnecker bis Merkels Jugend. Aber soviel will ich sagen: Der See lohnt sich als Ausflugsziel.

Der See liegt nördlich von Berlin, in der Schorfheide, in grauer Vorzeit soll es hier mal Elche gegeben haben. Erich Honnecker empfing neben Schmidt auch F.-J. Strauß im nahe gelegenen Jagdhaus Hubertusstock.

Hier gingen sie gerne zur Jagd, die Großkopferten. Nicht nur der SED, sondern auch schon die Hohenzollern und die späteren Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Man erzählt sich, dass man dem Jagdglück der Herren immer etwas auf die Sprünge helfen musste, damit sie ihre gute Laune behielten.. (Lesenswert: "Der Werbellinsee..") Das Jagdhaus wurde in den siebziger Jahren abgerissen und neu aufgebaut. Jetzt mit standesgemäßem, modernen Bad. Heute ist es privatisiert und wird als Hotel betrieben. Gott sei Dank haben die Betreiber an Stil und Anmutung des Interieur wenig geändert.

Kaiser Wilhelm reiste übrigens mit dem Zug von Berlin zum eigens für ihn errichteten Kaiserbahnhof Joachimsthal (2. Foto).








Havelland Regenrallye







12 November 2010

in fallersleben

ein tag wie in einem amerikanischen roadmovie. wir arbeiten heute in den büros in fallersleben. draußen herrscht dauerregen, der himmel ist dunkel und es ist kalt. neben uns verläuft die bahnlinie, ice's richtung heimat. und hier werden die güterzüge mit autotransportern zusammengestellt. dahinter die landstraße. dort gibt es einen pizzastop. dorthin gehen wir essen.

man muss die fussgängerbrücke über die bahnlinie hochkraxeln, gegen den wind, um zum pizzastop zu gelangen. ein container, zur bude umgebaut. hier halten lkws und lieferwagen, wer halt so vorbei kommt. im radio läuft (gute) 80er musik. the lion sleeps tonight.

an der einen wand hängt eine panoramatapete. der pizzabäcker spricht tatsächlich italienisch. wir bestellen pizza und was er gerade so da hat. wir sitzen und warten, hören die musik, schauen raus auf die verregnete landstraße und schweigen. immer mehr lkws halten an. der laden füllt sich mit monteuren und fahrern.

die zeit steht still und wir sacken hier ab. so könnten wir jetzt ewig regungslos sitzen bleiben..der regen schlägt gegen die scheibe... dann kommt unser essen.

G20 - "Wettbewerbsfähigkeit" als Euphemismus für Lohndumping

Kurzer Kommentar zu Merkels G20-Statement:

Die deutschen Exportüberschüsse sind ein Ausdruck von Lohndumping bei Fachkräften. Merkel und Kannegießer nennen das Wettbewerbsfähigkeit.

Denn wir müssen um so viel billiger sein, wie wir schlechter gemanagt werden, als Unternehmen in anderen Ländern.

#G20

10 November 2010

Laterne, wer nicht lizenziert, sieht bald Sterne



/Satire aus/

Aus gegebenen Anlass erinnert die GEMA daran, dass das von Kindergärten an St. Martin gesungene Liedgut tlw. noch urheberrechtlich geschützt ist.

Ich zitiere hier mal am besten O-Ton:
Werke jüngerer Urheber, die ihre Rechte an eine Verwertungsgesellschaft übertragen haben, sind hingegen geschützt und dürfen nur mit Lizenz öffentlich aufgeführt werden. Die Anmeldung erfolgt über die örtliche GEMA-Bezirksdirektion.

Allen Ernstes empfiehlt die GEMA Kindergärtnern, sich hinsichtlich der Urheberrechtslage der für den morgigen Martinstag geplanten Lieder unsicher sind, vorher in der Datenbank der GEMA zu recherchieren: www.gema.de/musikrecherche/

Die Märkische Oderzeitung lässt mich fassungslos zurück mit dem Hinweis der GEMA:
Allerdings gibt es auch eine Reihe moderner Lieder zum Martinstag. Wer diese aus den Liederbüchern einfach rauskopiert, um etwa ein Liedheft für Eltern und Verwandte zu basteln, handelt illegal. Die VG (Verwertungsgesellschaft) Musikedition habe deshalb 2009 zusammen mit der Gema den Kindergärten in Deutschland einen Lizenzvertrag angeboten, sagte der Geschäftsführer der VG, Christian Krauß, am Mittwoch.

Quelle: Link

09 November 2010

Merkel und Röttgen

Hatte ich nicht vor einigen Wochen vorhergesagt, dass der Export unseres Atommülls gen Osteuropa die opportunistischste Lösung sein könnte?

Nun ist es soweit. Die Süddeutsche Zeitung enthüllt heute, dass die Bundesregierung einen Vertrag mit Russland abschießen wird, nach dem der in Ahaus zwischengelagerte Müll in die russische Wiederaufbereitungsanlage Majak verbracht werden soll: Link
Mit 18 Castoren sollen demnach insgesamt 951 Brennelemente in das russische Atomzentrum gebracht werden, aufgeteilt auf drei Transporte. Seit 2005 lagern sie im nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus.

Die SZ zitiert aus der Antwort unserer Regierung auf eine kleine Anfrage der Grünen:
Eine Entsorgung und Endlagerung hierzulande sei "wegen des in naher Zukunft nicht verfügbaren Endlagers für bestrahlte Brennelemente keine gangbare Option".

Majak ist das Gebiet, in dem es im Sommer die großen Waldbrände gab und wir wochenlang darüber in Atem gehalten wurden, ob wir hier mit radiaktiver Asche bestrahlt werden könnten...

Bin gespannt, wie Merkel und Röttgen das vor uns legitimieren wollen. Und hatte Oettinger nicht gerade davon gesprochen, dass alle EU-Länder ihren Atommüll zu hause endlagern müssen? Bin gespannt, was hier stärker sein wird: Das Recht oder die tiefen Taschen der neuen Freunde Merkels. Da könnte Atomkraftwerksbetreiber und RWE Chef Großmann glatt eine neue Flasche entkorken, was?

08 November 2010

Selbstdementis

"Ich empfehle Standarddementi."
Möllemann zu Kinkel

Antiatomdemo geht heute so: Polizisten und Demonstranten bringen viel Verständnis füreinander auf und betonen, sie seien sich bewusst, dass die andere Seite ja nur ihre Rolle erfülle. Ja nee, der Polizist würde jetzt auch viel lieber mitdemonstrieren, weil, auch er ist gegen diese Castortransporte und die Laufzeitverlängerungen. Aber, Sie verstehen, sein Job ist es, jetzt den Pfefferspraystrahl in die Menge zu halten. Die Demonstranten betonen vor Filmkameras, ihre Steinwürfe richten sich keinesfalls gegen die Polizisten persönlich, darunter seien ja auch ganz nette und viele so alt wie man selbst, sondern nur gegen sie in ihrer Rolle. Als Polizisten. Ja, Pech gehabt eben.

Der Fortschritt der Demokratie lag auch mal darin, dass wir zwischen Person und Rolle unterscheiden. Dass man zum König nicht mehr geboren wird sondern: jeder kann die Rolle einer bestimmten Funktion übernehmen. Und natürlich kann man jede Rolle "interpretieren". Nur eins durfte man nie tun, wenn man ernst genommen werden wollte: Aus der Metaebene vor den anderen seine eigene Rolle zu thematisieren. "Ist ja nur meine Rolle, ich muss das ja tun."

Das wurde vor einigen Jahren zum Aushebelargument: "Der Joschka Fischer muss ja gegen Atomkraft sein, schließlich ist der ja ein Grüner." Einfach Ursache und Wirkung vertauschen, das sorgt immer für etwas Ablenkung in einer politischen Diskussion. Wenn wir jedem unterstellen, dass er nicht eine Position bezieht, weil er eine Haltung oder ein Interesse hat, sondern umgekehrt, wird Demokratie aber sinnlos. Das untergräbt Demokratie vielleicht mehr als rechte und linke (unpolitisch-aggressive) Extremisten.

Wenn aber die Akteure jetzt anfangen, ihre Rollen selbst zu dementieren, dann sind wir fast wieder am Start angekommen. Wenn es ja noch das Ergebnis einer tiefen Reflektion wäre. Aber es sieht eher so aus, als sei es Folge einer Überforderung durch Verantwortung, also der schleichenden Infantilisierung unserer Gesellschaft und Stewardessisierung unserer politischen Diskussionskultur.

Der erste Talkshowmoderator, der sich selbst dementierte, war Johannes B. Kerner. Der interessiert sich nicht nur nicht für Politik, der sagt das einem Helmuth Kohl auch offen: "Sie verstehen, ich MUSS Sie das fragen. Nicht für mich, schauen Sie mich nicht so grantig an, sondern für die Menschen da draußen." (Also für die Quote.) Man kennt das auch von besonders einfach strukturierten Callcenteragenten: "Ich MUSS das fragen, das steht in meinem Skript."

Wenn wir alle die Verantwortung für unsere Rolle nicht mehr aushalten würden, wäre unser Gemeinwesen schnell am Ende. Dann würde sich der Werkstattmeister vorm Kunden offen über die miese Qualität seiner Teilelieferanten beschweren, der Richter würde sich von seinem Urteil distanzieren, dass ja nur die Gesetzeslage aber nicht seine eigene Meinung widerspiegelt und der Tankwart würde sich täglich von seinen hohen Benzinpreisen distanzieren. Jeder würde das Vertrauen der Gemeinschaft in seine Rolle und Funktion einbüßen. Dann hätte nicht nur unser Finanzsystem einen Knacks weg sondern auch unser Konzept von der offenen Gesellschaft, in der fast jeder fast alles werden kann. Dann hätte sich das System der Trennung zwischen Person und Rolle bzw. Person und Leistung ad absurdum geführt, weil es für zu viele in Schizzophrenie geendet wäre.

Aber vielleicht leiden genau darunter inzwischen zu viele und halten es nicht mehr aus, weil die Rollen und Skripte, die sie spielen müssen, einfach zu schlecht geworden sind.

07 November 2010

Kanzlerbungalow


Foto: Bundesregierung

Der Markt für Old- und Youngtimerautos wächst seit Jahren. Das interessante an Youngtimern ist ja, dass sie eben erst unbemerkt aus dem alltäglichen Blickfeld verschwunden sind, ohne dass wir es bewusst bemerkt haben. Erst wenn man den einen oder anderen mal wieder sieht, denkt man: Lange nicht gesehen! Und: Sah doch nicht so schlecht aus, wie ich damals dachte..

Was eben noch Alltag war, schätzen wir nicht besonders. Und neue Designs schätzen wir manchmal noch weniger. Erst recht in schwierigen Zeiten. Dann lebt eher die Sehnsucht nach der ganz alten Zeit, egal wie schwer die gewesen ist. Unter Altbau versteht man in Berlin ja immer noch die Häuser des Großbürgertums, errichtet zur Gründerzeit.

In Berlin sind viele Gebäude abgerissen worden, die als hässliche Symbole des hastigen Wiederaufbaus nach dem Weltkrieg oder der DDR galten. Warum wir das architektonische Erbe der DDR missachten, das der Kaiser-Wilhelm-Zeit aber nicht, verstehe ich nicht so recht. Ich glaube, dass wir manchen Abriss noch bereuen werden.

Was ich soeben wieder entdecke, sind Bungalows. Die ans Bauhaus angelehnten Konstruktionen der Nachkriegsmoderne.

"Die" Ikone schlechthin ist für meinen Geschmack der Bonner Kanzlerbungalow. Der steht für nächstes Jahr in unserer Ausflugsplanung. Seit dem Regierungsumzug steht er leer. Seit 2005 hat ihn die Wüstenrot-Stiftung saniert. Jetzt kann man ihn im Rahmen der Bonn-Info-Tours besichtigen.

Ein paar Fotos zur Vorfreude findet man hier bei Google: Link

05 November 2010

Wohin mit dem CO2?

Verbrennt man Kohle mit reinem Sauerstoff, entsteht nur CO2. Das ist die wirtschaftliche Voraussetzung für das Abfangen des CO2 aus dem Kraftwerksbetrieb. Verbrennt man Kohl an Luft, entstehen zusätzlich andere Gase, z.B. Stickoxid, die aufwendig vom CO2 abgeschieden werden müssen.

Abfangen und Speichern, bekannt unter dem Kürzel CCS, (Carbon Dioxide Capture and Storage), ist eine Möglichkeit, Kraftwerks-CO2 aus der Atmosphäre fern zuhalten. Norwegen speichert schon lange das CO2, das bei der Förderung von Erdgas entsteht unter der Nordsee. Andere skandinavische Länder wollen dort bald ebenfalls CO2-Speicher errichten.

Norden und Osten von Deutschland eignen sich angeblich auch für eine unterirdische CO2-Speicherung. Im brandenburgischen Ketzin (bei Potsdam) fährt Vattenfall seit 2008 zusammen mit dem Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) einen Pilotversuch, dort wird CO2 unter Druck verflüssigt und eingespeichert. Vattenfall nennt das Projekt CO2-Sink, was suggeriert, man habe eine CO2-Senke entwickelt: Link1, Link2. Über einem Zeitraum von drei Jahren sollen hier rund 60.000 Tonnen CO2 in sandige Schichten eingespeichert werden, in einer Tiefe zwischen 600 und 800 Metern. Projektpartner sind weitere Energieversorger wie Statoil, Shell, RWE, Eon und Ausrüster wie Siemens und Schlumberger.

Man kann CO2 auch in Metallhydrate einlagern Daraus entsteht CO2-Hydrat (Eis) und es wird Methan frei. Diese Lösung käme lögischerweise nur in Dauerfrostregionen in Frage, in die man das CO2 hinpumpen oder verschiffen müsste. Methan ist aber auch ein Brennstoff, der besonders viel CO2 freisetzt.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, CO2 in ausgebeuteten Öllagerstätten zu pumpen.

CO2 ist auch ein Grundstoff für den Kunststoff PPC. PPC ist transparent und zäh. Daraus lassen sich Platten und Folien, Joghurtbecher, Faserwerkstoffe u.a. herstellen. Kunststoff kann aber nicht die einzige Verwertung von CO2 sein, denn soviel Kunststoff wie die Kraftwerke produzieren würden, wird nicht annähernd gebraucht. Einen solchen Stoff, der nur ganz langsam verrottet, müsste man auch recyclen, woraus zusätzliche Konkurrenz zum Kraftwerks-CO2 entstünde.

Bleiben die Meeresalgen. Sie wandeln gegenwärtig soviel CO2 in O2 um, wie der Baumbestand aller Landmassen. Sie brauchen Eisensulfat als Dünger, das z.B. bei Vulkanausbrüchen auf die Meere nieder rieselt. Wenn man aber anfängt, die Meere zu düngen, greift man wieder in ein Ökosystem ein, dass man noch nicht annähernd verstanden hat.

Wie man es dreht und wendet: Wir werden uns kein gutes Gewissen verschaffen können, in dem wir CO2 erstmal einspeichern und dann mal sehen. Wenn wir es nicht für irgendetwas sinnvolles gebrauchen können, setzen wir nur den umgekehrten Prozess in Gang, den wir derzeit bei der Ausbeutung der fossilen Brennstoffe haben. Dann sagen wir irgendwann nicht mehr nur: Irgendwann ist der letzte Öltropfen verbraucht, sondern auch: Irgendwann ist die letzte Lagerstätte voll..

Die Bezeichnung "Informationszentrum für klimafreundliche Kraftwerke" für das IZ-Klima (Link) ist deshalb sehr gewagt. Die EU-Kommission unterstützt die Forschungsaktivitäten dennoch: Von den Einnahmen aus dem Verkauf von 300 Mio CO2-Zertifikaten wandern 4 Mrd EUR zurück in die CCS-Forschung, damit auch zu den großen Kohlekraftwerksbetreibern. Die Argumentationskette der CCS-Lobby geht so:
1. Wir können den wachsenden Strombedarf nur durch Kohle und Gas decken.
2. Trotzdem müssen wir wegen des Klimawandels CO2-Emissionen senken.
3. Deshalb brauchen wir eine technische Lösung für die CO2-Reduzierung
4. Die beste, nein "alternativlose", Lösung ist CCS. Dies lässt sich auch für andere CO2-Quellen nutzen (z.B. Industrieproduktion)

Danach suggeriert man den Automatismus: Aus der Notwendigkeit der CO2-Senkung folgt automatisch CCS als Lösung. In der Pressearbeit werden Argumente pro CO2-Senkung und pro CCS gleich gesetzt. Aussagen des Ökoinstitutes und des WWF und solche von Projektmitgliedern werden so geschickt vermischt, dass der Eindruck entsteht, auch diese würden sich vorbehaltlos und vehement für CCS einsetzen.

Das IZ Klima steigt immer massiver in die politische Diskussion ein. Man will CCS nicht mehr begründen müssen, sondern die, die es in Frage stellen, sollen "moralisch-ethisch" argumentieren müssen (Link). Und der IZ-Klima Geschäftsführer Michael Donnermeyer, SPD, kandidiert nächstes Jahr für die Berliner Abgeordnetenhauswahl.. (Link)

Weitere Quelle: Bayerischer Rundfunk

04 November 2010

Geistessterben



Mulmige Gefühle lösen bei mir die Nachrichten aus den USA aus. Die Verzweiflung greift um sich. Die Wähler wissen nicht mehr, wen sie wählen sollen. Und die Regierung und auch die Notenbank wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Nur die Wallstreet weiß, was sie will, und sie bekommt es auch: Mehr, mehr, mehr.

Wessen Volkswirtschaft im wesentlichen "irreal" ist, wer sich dreißig Jahre lang der Deindustrialisierung hingegeben hat, wer seine Volkswirtschaft von Derivatehändlern und -erfindern steuern lässt, der kommt anscheinend nicht auf die Idee, es beim Wiederaufbau mal mit Substanz zu versuchen.

Die USA und England sind -beginnend mit Reagan und Thatcher- virtualisiert worden. Wer seine Industrie abbaut, weil er glaubt, woanders lasse sich eh billiger produzieren, und wer ernsthaft glaubte, man könne seinen materiellen Wohlstand nicht auf Wertschöpfung sondern auf Wetten auf Wertschöpfungen bauen, dem fehlt inzwischen das Vorstellungsvermögen und der gesunde Menschenverstand für das Funktionieren einer gesunden Wirtschaft. Der ist darauf angewiesen, es mit Finanztransaktionen zu versuchen. Schon wieder werden Milliarden Dollars gedruckt um Staatsschulden "zurückzukaufen".

Früher hätte ich noch an die innere Stärke Amerikas geglaubt und gesagt: Die ziehen sich selbst wieder hoch. Aber mein Eindruck ist, und unser Trip nach New York hat dies bestätigt: Sie haben keine Inspiration mehr. Sie sind ausgelaugt, hoffen von Tag zu Tag. Zu müde, ein S21 an der Wallstreet zu organisieren. Zu uninspiriert für eine neue technische Revolution. Es sieht aus wie das Ergebnis des "Geistessterbens", das Pierangelo Maset in den westlichen Ländern diagnostiziert hat: Keine Inhalte mehr, nur noch Formen: Tabellen, Charts, Folien. Kein Urteilsvermögen mehr, nur noch Ratings. Keine Bildung mehr, nur noch Qualifikation. Keine Wertschöpfung mehr, nur noch Wetten darauf. Das "Value" in Shareholder Value hat sich selbst ad absurdum geführt. Sie stellen gerade fest, dass man Geld nicht essen kann...