Dienstag, 7. Dezember 2010

Für ein paar Goldmünzen



Gestern kam eine Doku auf 3sat, heute eine auf arte. Thema: Die Entwicklung der Finanzkrise. Mein Eindruck: Unsere hochbezahlten Volkswirte in den nationalen und europäischen Institutionen, in Finanzministerien, Kanzleramt, Präsidentenbüros, Zentralbanken, Regulierungsbehörden und so weiter verstehen nicht wirklich etwas von den internationalen Finanzmärkten. Sie sind langsam im Verstehen, sie müssen sich die wichtigen Begriffe erst bilden und sie denken statisch, d.h. sie können sich keine Bewegungen von Markten vorstellen.

Mein Eindruck ist: Wir leisten uns mehrere tausend Spitzenbeamte und Regierungen, die nicht den Hauch einer Ahnung haben, aber aus irgendeinem Grund auf ihre Positionen gekommen sein müssen. Sie scheinen ihre Hauptfunktion darin zu sehen, bei schönem Wetter wichtig dreinzuschauen und dekorativ ihre teuren Büros zu bevölkern und einander über Rolltreppen zu besuchen. Und wenn das Wetter schlecht wird, wenn sie die Verantwortung, für die wir sie bezahlen, einmal einlösen müssen, sind sie ratlos. Dann kaufen sie teure Berater ein. Und wenn sie etwas verstanden haben, geben sie Interviews, in denen sie uns die Welt erklären.

Ich bin überzeugt, dass unsere Kanzlerin bis heute das Wesen dieser Krise nicht begriffen hat. Und wir deshalb von ihr auch keine Lösungen erwarten können. Und auch aus Brüssel können wir keine Lösung erwarten. Denn dort sitzen nicht unsere Besten. Sondern die, die unsere Parteifunktionäre hier nicht mehr gebrauchen können oder wollen. Wie z.B. Günther Oettinger.

Das beunruhigt mich.

Ein anderes Bild kam mir heute im Bus in den Sinn: Wer bei uns als Angestellter einer normalen Arbeit nachgeht, verdient den Gegenwert von 1 bis 5 Goldmünzen im Monat. Leitende Angestellte bekommen 10 Goldmünzen. Die Spieler in den Investmentbanken mindestens 100. Das sind die Dimensionen, die wir aus den Märchenbüchern kennen, aus denen uns früher vorgelesen wurde. Mittelalterlich anmutende Dimensionen.

In unseren ersten Berlinjahren haben wir viel Zeit mit einem neuen Ansatz für das Verständnis unserer jüngeren Geschichte verbracht. Ich wollte nicht im Kopf wissen, sondern im Bauch versuchen den Beginn von Krise, Terror und Existenzangst nachzufühlen, mir zu vergegenwärtigen. Das kann man natürlich nur schwer simulieren, aber man kann sich etwas herantasten. Wieder und wieder nutzten wir Führungen in Museen, hörten Sebastian Haffner Hörbücher, nutzten Gespräche mit denen, die Krieg und Diktatur erlebt hatten. Es ging uns darum, den Moment zu erspüren, in dem man angsterfüllt erkennt, was die Stunde geschlagen hat. Z.B. wenn man nachts Schritte und dann Lärm auf dem Flur hört und am nächsten Tag ist der Nachbar verschwunden. Und kehrt nicht wieder. Oder die Schaufenster sind eingeschlagen. Oder sonst wie wurde auf der Klaviatur des Terrors gespielt.

Jetzt hingegen beginne ich zu erahnen, wie sich Demokratieverdrossenheit entwickelt. Ich komme zu dem Schluss, dass unsere Konzepte, Werte und Konstruktionen wenig wert sind, wenn wir es einem Personal überantworten, das nur von sich selbst erfüllt ist, aber ansonsten von keiner Idee oder Überzeugung. Und dem es an Intellektualität fehlt. Wir twittern und bloggen uns die Meinungen und Argumente zu den Tagesthemen um die Ohren. Aber es geht, glaube ich, inzwischen längst um Größeres und Grundsätzlicheres. Ich bekomme ein Verständnis dafür, warum Menschen anfällig für Antidemokraten werden können, die Stimmung gegen das Parlament machen. Wir haben uns längst alle satt gehört und gelesen. Aber wir halten uns im Kopf noch bewusst, dass wir das Kind mit dem Bade ausschütten würden, würden wir in rechten oder linken Populismus abgleiten.

Nur, viele der Volkswirtschaften, die im Begriff sind, uns zu überholen, die für uns im Moment als Absatzmärkte eine essentielle Funktion haben, sind keine Demokratien. Indien und Brasilien: Ja. Russland, China und die Ölländer: Nein. Es könnte eine Diskussion darüber aufflammen, ob man ohne Demokratie nicht "effektiver" ist. Klingt absurd? Nur, solange wir keine ernsthaften Probleme haben. Wenn wir den EURO über den Haufen werfen sollten, dann vermutlich das europäische System gleich mit. Es könnte sich ein angestauter Frust über die bürokratische, die politische und die Managerkaste entladen. Das halte ich nicht für unmöglich.

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