Samstag, 28. Januar 2012

Elektromobilität: Bundesregierung mit "Schaufensterpolitik"

"Tue Gutes und rede darüber."
Grundkonzept klassischer Public Relations

"Rede darüber."
Grundkonzept deutscher Forschungspolitik

Angela Merkel gibt gerne die Förderin von Forschung und Technik. Sie besucht eine Messe, hält eine Rede zum Leitthema und sagt, dass Deutschland hier Nummer 1 werden muss. Und dann wird das Chefthema. Wie zum Beispiel der jährliche IT-Gipfel. Es werden Fördertöpfe geschaffen für angeblich strategische Projekte. Doch oft werden diese Projekte dann nur gestartet, weil es Fördertopfe gibt. Dann wachsen Unternehmensbereiche und Forschungsabteilungen sowie Wirtschaftsförderungen um befristete Stellen. Die Beteiligten sind für eine Weile stolz, bei einem Innovationsthema mitmachen zu könnne. Hypen eine Weile ein paar neue Anglizismen und produzieren fleißig Powerpointfolien. Nicht selten überholen und vergrätzen diese Förderprojektprofis dann auch die wahren Experten, deren Rufe zum gleichen Thema jahrelang ungehört blieben. Auf den Fluren schwärmen Berater von Megatrends, Startups und von den Mächtigen, bei denen sie plötzlich Termine haben. Ist die Förderzeit um, wechseln die, die gestern noch angehende Jungunternehmer gaben, in den Regierungs- und Verwaltungsapparat. Wen man gestern noch in der brand eins platziert hat, trifft man heute morgens am Hauptbahnhof Berlin auf dem Weg nach Bonn ins Ministerium von Frau Schavan.

Aus dem Stellwerk für große Industriepolitik ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten geworden.

Ich hoffe, dass das bei der Elektromobilität anders läuft, bin mir aber nicht sicher. Wenn ich z.B. sehe, wie die Bundesregierung das angeht. Das sogenannte "Schaufenster der Elektromobilität" ist voller Widersprüche und so komplex, dass man sich Sorgen machen muss. Das fängt schon bei der Zielstellung an: Geht es hier um die Förderung von Forschung und Entwicklung oder um Marketingprojekte? Beides wäre legitim, aber unscharfe Ziele lösen später nur Unzufriedenheiten aus:
"Das System Elektromobilität soll für potenzielle Nutzer und die breite Öffentlichkeit in Deutschland erfahrbar gemacht werden", hob Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hervor. Die Schaufenster sollten gleichzeitig Erprobungsraum und Werkstatt sein. Sie böten die Möglichkeit, offene Frage zu beantworten, zum Beispiel zu Kundenerwartungen oder Anforderungen an die Infrastruktur.
Quelle: Bundesregierung.de

Vier Bundesministerien (Verkehr, Wirtschaft, Forschung, Umwelt) stellen über drei Jahre 180 Mio. EURO bereit. Ein Kleckerbetrag für ein Thema, das angeblich die Zukunft unserer Mobilität darstellt. Andere Industrieländer stecken hier Milliarden rein.

Die Bundesregierung weiß genau genommen nicht mal, was sie konkret fördern soll. Weil sie in ihren Ministerien keine Kapazitäten hat, die zu so etwas wie Industriepolitik fähig wären. Deshalb gestaltet sie das ganze als Wettbewerb unter den Bundesländern. Die sollen sich um die Gelder bewerben und dabei gegeneinander konkurrieren. Man kann sich vorstellen, nach welchen Kriterien die Gelder dann vergeben werden.

Doch so ein "Teile und Herrsche" macht gerade beim Thema Elektromobilität wenig Sinn. Hier wäre im Gegenteil eine Vorgabe des Bundes nach Abstimmung mit den wichtigsten Bundesländern richtig gewesen. Warum? Weil die Kompetenzen, die man für Elektromobilität braucht, fö(r)deral verteilt sind:

1. Stromversorgung: In NRW (Rot-Grün) sitzen mit Eon und RWE gleich zwei DAX-Konzerne
2. Autohersteller und Zulieferer: In Niedersachsen (Schwarz-Gelb) sitzen VW, Conti und Johnson Control. In Bayern (Schwarz-Gelb) und Baden-Württemberg (Grün-rot) Daimler, BMW, Bosch.
3. Märkte: Die Hauptmärkte für Elektroautos in Deutschland werden die Ballungsräume Berlin (Rot-Schwarz) und Ruhrgebiet (vom Bedarf und den Fahrprofilen eigentlich genau passend, es mangelt aber an Kaufkraft) sowie die kaufkräftigen Metropolen München und Frankfurt.

Es wäre Aufgabe der Politik, diese verteilten Länderkompetenzen so übereinander zu bringen, dass Deutschland seine Stärke hier voll auf die Straße bringen kann. Stattdessen aber bringt sie die Länder lieber gegenseitig in Stellung. Die Anträge werden vermutlich alle alles anbieten und jeder nur eigene Kapazitäten ins Spiel bringen.

Damit wird der "Leitmarkt" vermutlich ein Flickenteppich aus regionalen Schaufenstern werden. Auch hier wird sich irgendwann irgendetwas durchsetzen und Standards setzen. Aber es wird länger dauern. Und die Politik wird nie sagen können, sie habe hier den Anlasser gemacht. Es wartet nämlich jeder auf den anderen: Die Batteriehersteller auf die Bestellungen der Autohersteller. Die Autohersteller auf die Ladestationen der Stromversorger. Und die potenziellen Kunden auf steuerliche Kaufanreize der Bundesregierung, die das ganze ja schließlich auf die Agenda gesetzt hat.

So hat der Lithiumionenbatterie-Hersteller Johnson in einem VDI Interview neulich gesagt, er sei Teil der niedersächsichen Bewerbung beim Förderantrag. Aber das heiße nicht, dass er mit der Produktion und Entwicklung nun in die Vollen gehe. Man wachse lieber stufenweise und halte sich alles offen: Vielleicht machen in Sachen Elektromobilität ja auch die Hybridautos das Rennen. Oder es bleibt bei StartStopp als meistverkaufte Spielart. Man lege sein Batteriekonzept so an, dass man auf alles reagieren könne. Niemand wisse, was sich am Ende durchsetzen werde. "Reagieren können" heißt die Strategie: Abwarten und beobachten.

Eines sei aber schon jetzt klar, sagte der Leiter der Lithiumionen Abteilung von Johnson Controls: In Deutschland werde man nur die Pilotanlage (fürs Schaufenster) bauen. Die Massenproduktion werde aber in den USA erfolgen. Denn die USA fördern die Herstellung von Elektroautobatterien mit 1,5 Mrd. Dollar, also dem zehnfachen des Landes, das sich zum Leitmarkt ausgerufen hat.

Und außerdem gebe es in Deutschland noch ein anderes Problem: Elektroingenieure mit Batterieknowhow seien hier ausgesprochene Mangelware. Da kann man nur hoffen, dass die Einwanderungspläne von Frau Schavan und Herrn Rößler sich auf den anderen Kontinenten herumsprechen werden.

Ich habe aber alles in allem eher den Eindruck, dass die Politik hier nicht begriffen hat, um wie viel es hier gehen könnte und was es eigentlich bräuchte, um all unsere Fähigkeiten zum Nutzen des Landes auf die Straße zu bringen.

5 Kommentare:

  1. Ach. Ich glaube, daß die "Politik" den gestalterischen Zugriff auf die Wirklichkeit längst verloren hat.

    Die sind alle "Lost in space", treiben steuerlos durchs All - in einem Raumschiff mit eindrucksvollen, bunten Schaltern und Reglern. Schalter und Regler, die nur leider nichts mehr schalten und nichts mehr regeln.

    Der Rest ist Alibi-"Politik".

    Aussitzen, Auf-Zeit-Spielen, billiges Gepose in "Talkshows", Postengeschiebe, Diätenerhöhung, Intrigen, heiße Luft. Als alter Sack irgendeine dreißig Jahre jüngere Spargelkönigin klarmachen...

    Hier ein "Kompetenz"-, dort ein "Abwehrzentrum" für dieses und gegen jenes. Hier ein "Gipfel", da eine "Initiative", eine "Klausur" an einem verkackten See, ein "Arbeitskreis", gerne auch ein "Untersuchungsausschuß", wenn's hoch kommt, eine "Task force".

    Zur Auflockerung fordert dann mal ein obskurer "EU-Kommissar" irgendwas Folgenloses, morgen völlig Vergessenes.

    Und jede Menge miserabelste Reden im schlimmsten Abteilungsleiter-Deutsch, zwischendurch unbeholfenes "Ich-sage-dass"-Gemerkel.

    Und über allem Knödel-Wulff, sich selber als Knallcharge spielend.

    Wenn ich schon höre, daß die "S"PD 2013 doch wieder mit Steinmeier antreten will! Was nur bedeuten kann: Merkel forever... Das ertrage ich dann beim besten Willen nicht mehr.

    Houston, wir haben ein echtes Problem.

    AntwortenLöschen
  2. Anonym29.1.12

    Schaufenster? Wieso eigentlich Schaufenster? Ich habe echt gegrübelt, was ein "Schaufenster Elektromobilität" ist. Erst durch Googeln habe ich rausgefunden, dass es ein Wettbewerb ist.

    Nein, so erzeugt man keinen Hype. So macht man Käufer nicht neugierig.

    Ich bin neugierig, wenn Ashton Kutcher in ein Berliner Start-up investiert oder wenn sich jemand 6Wunderkinder nennt.

    Elektromobilät verkaufen andere besser, Shai Agassi zum Beispiel. Für den Fall, dass er scheitern sollte, sagte er: "Es wird ein sehr lautes Flatsch geben, wenn ich auf dem Boden aufschlage."
    cndr

    AntwortenLöschen
  3. @FF - Ja, das stimmt. Manchmal klopfen Hotel- oder Atomkraftwerksbetreiber an und dann wird eine Vorlage zum Gesetz gemacht. Aber sie kommen nie selbst auf strategische Ideen. Wenn man ihnen sagt "Da kommt ein Trend, da müssen wir die Weichen stellen, dass wir vorne dabei sind." Wenn es wirklich um die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen von morgen geht, sind die überfordert.

    @cndr: In irgendeinem Interview hörte ich neulich ein Regierungsmitglied sagen, die Bundeskanzlerin sei richtig technikaffin, weil "sie ja selbst täglich SMS benutzt" weiß man, wie die drauf brennen..

    AntwortenLöschen
  4. @ Frank:

    Ich glaube es war Theobald von Bethmann Hollweg, Reichskanzler 1909 ff. und durchaus ein aufrechter Mann, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs schreckensbleich stammelte: "Wir haben die Direktion verloren."

    Wenn die Berliner Raumschiffinsassen ehrlich wären, könnten sie das allesamt für sich unterschreiben.

    Aber dazu wäre ein Mindestmaß an Reflexionsvermögen vonnöten, was ich etwa bei Gestalten wie Rösler, vdL, Kinderministerin Schröder und erst recht bei den Jämmerlingen von der "S"PD (die lieber mit der CDU/CSU als mit der Linken gemeinsame Sache machen wollen!) mit Sicherheit ausschließen kann.


    PS.: Ehrlich wäre z.B., wenn sich die "S"PD auflöste, geschlossen in die CDU einträte und dort den rechten Flügel bildete.

    PPS.: Ach was solls. Kann mir doch alles wumpe sein.

    AntwortenLöschen
  5. @FF Danke für das Bethman-Hollweg Zitat!

    AntwortenLöschen