Montag, 10. Februar 2020

Ein Tag im Leben eines Projektleiters

Tja, gestern noch in Polen und heute konnten sie mir alle gestohlen bleiben.. Wegen des Sturms machte ich Homeoffice. Ich kochte früh eine Kanne Kaffee mit unserer Melitta Filterkaffeemaschine. Und nach dem ersten Skype gab es einen Knall, der mich zusammenzucken ließ. Es klang irgendwie hart, fast elektrisch. Aber alle elektrischen Geräte in meinem Arbeitszimmer schienen heile.

Irgendwann trug ich die Kaffeekanne in die Küche und wunderte mich über ein Geräusch darin: Siehe da, der Thermoglaskolben lag in Scherben. Wie jetzt: nach einem Jahr geht die Kanne kaputt? Markenprodukt Melitta? Ich ging auf die Webseite, wo ich das Ding für etwas über 70 EUR gekauft hatte. Und siehe da: da hatten sich schon andere Kunden beschwert, denen das gleiche passiert war. Und Melitta hat die Kaffeemaschine inzwischen als "Auslaufmodell" um 50% reduziert, was ich originell finde..

Was ich aber eigentlich erzählen wollte: Unsere Branche ist wieder vorsichtig geworden und kürzt deshalb die Budgets. Auch für IT-Proujekte. Gut, kann man machen, aber nicht ohne Folgen. Erst recht nicht, wenn erheblich gekürzt wird. Und dann ging es los. Der Versuch, zu "eskalieren" (neben der Wunderwaffe "Taskforce" der zweite Lieblingsbegriff von Automobilmanagern). "Wir müssen klar machen, was die Kürzungen bewirken werden." schrieb ein Kollege. "Ja, aber das haben wir doch schon im Projektsteckbrief beschrieben, was passiert, wenn ein Umfang nicht finanziert wird."
- "Ja, aber anscheinend lesen die das nicht." schrieb der Organisator der Budgetrunde, in der die freigebenden Mittel auf Projekte verteilt werden. "Und deshalb sollten wir jetzt nochmal die Steckbriefe in eine Powerpoint packen und ihr solltet alle noch mal überlegen, wofür Ihr Geld beantragt habt."

Ich dachte: Wie? Weil es vom Vorstand nicht gelesen oder nicht verstanden wurde, sollen wir das gleiche noch mal tun?

Und da flatterte auch schon die nächste Email rein: "Auch seitens Fachbereiche müssen wir auf Bereichsleiterebene noch mal klar machen, was das bedeutet." Und dann brauchen wir auch noch ein Blatt für die Markenvorstände und dann für die Konzernvorstandsrunde, die sich aus den Markenverostandsvorsitzenden zusammen setzt."

Ich brach innerlich schon zusammen. Und eruierte erstmal, wie dieses Gremium da eigentlich so tickt, Wer geht da rein, was machen die und warum funktioniert das nicht?

Kam raus, dass wir Stille Post Bottom-Up spielen: Wir schreiben 19 Projektsteckbriefe in denen wir Umfänge verargumentieren und diese Steckbriefe liest irgendwer dem Vorstand vor bis dieser einnickt... Kein Mensch versteht so etwas.

"Warum haben wir keinen Top-Ansatz, der von den Marken- und Bereichszielen ausgeht, diese dann auf benötigte fachliche Fähigkeiten herunterreicht und darunter hängen wir dann die benötigten Entwicklungsumfänge?" fragte ich in die Runde. "So etwas braucht man ja nicht nur für Budgetanträge, sondern jedesmal wenn man jemandem erklären will, was wir hier machen und wozu wir es machen. Zweck und Zusammenhang." Woanders nennt man es Facharchitektur: Wie die Struktur eines IT-Systems die Struktur einer Organisation unterstützt.

Da ich Glück mit meinen Chefs habe, bekam ich sofort Unterstützung und wir luden den Kopf unserer "Antragsgruppe", die jährlich die genehmigten Gelder aufteilt. Sofort kam die Rückfrage, worum es denn gehe und ob man nicht die IT dafür brauche...

Es ist ganz offensichtlich, dass hier seit Jahren etwas intransparent vor sich hingewurschtelt hat und nie hat es jemanden interessiert, wie die Entscheidungen eigentlich zustande kommen. Und vermutlich hat es stets genügt, einem Vorstand irgendwelche Buzzwords vorzulesen und nie hat der verstanden, was er da eigentlich genehmigt. Aber genau so leiden die Entwicklungsabläufe seit Jahren unter inkonsistenten Datenflüssen, also nicht fertiggebauten Autobahnabschnitten, neu genehmigten Landstraßen als Workarounds usw.

Mit dem Spruch "Von Software verstehe ich nichts." kokettiert man auf höchsten Ebenen immer noch lustig in Verwaltung und DAX-Konzernen. Es wird Zeit, dass wir das ändern..!

1 Kommentar:

  1. IT ist für Vorstände o.ä. aus meiner (nun schon etwas länger zurückliegenden Erfahrung heraus) immer so etwas wie ein notwendiges Übel gewesen. Ja, man war richtiggehend stolz darauf, nichts von "Software" zu verstehen (verstehen zu müssen), und bei "Architektur" hörte es ganz auf, der Schlaf nahte. Über die Bedeutung einer funktionierenden IT und den Abhängigkeiten zwischen dieser IT und den Geschäftsprozessen denkt man gemeinhin in höheren Sphären nicht nach. Da hört man lieber das Geschwafel der Juristen (ist vielleicht selbst einer) oder der Finanzfritzen, gähnt sich durch Powerpoint-Wüsten oder wird das Thema los, indem man neue Vorlagen/Berichte anfordert.

    Ein "schönes" Beispiel, das öffentlich bestaunt werden kann, ist das Thema KI im politischen Raum. Die Entscheidungsträger haben davon keine Ahnung, sprechen aber immer wieder darüber und greifen dann auf die Produkte der Bundesworthülsenfabrik zurück. Fachleute stören nur, entsprechend desaströs sehen die Ergebnisse aus. Und es bewegt sich nichts, dafür wird jede Menge Geld verschleudert. Das erzeugt nun wieder Berichte o.ä., die wiederum in der Regel nicht verstanden werden und in der Ablage verschwinden. Das ist wie in Lems Roman "Eden", in dem eine Fabrik mit geschlossenem Kreislauf beschrieben wird: Ein nicht identifizierbares Objekt wird hergestellt, verläßt die Fabrik, wird ihr wieder zugeführt, wird wieder auseinandergenommen, und der Vorgang beginnt - ohne ersichtliches Ziel, ohne Sinn, ohne Verstand.

    Das gilt auch für andere Bereiche der Technik. Im Bundestag kann man das geballte Nichtwissen fasziniert betrachten (man legt dort auch in der Regel keinen Wert auf Ahnung in der Sache, kokettiert auch hier), sehr gern am Beispiel der Energie-"Wende" des Klimawahns oder aber der ideologisch gewünschten "Dekonstruktion" der Industrie. Mit Sachverstand sprechen meist nur Vertreter der AfD, die der anderen Parteien können/wollen nicht oder sind Juristen, Soziologen, Politologen oder haben das, was man gemeinhin als Arbeitsleben bezeichnet, in Parteien und Gewerkschaften abgeleistet. (Nach-) Denken, Wissen, Erfahrung - Mangelware.

    Die gegenwärtigen Verhältnisse wundern einen dann natürlich nicht.

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